Winterbach

Wegen zu voller Schulbusse: Eltern fürchten Corona-Verbreitungsgefahr - kurzfristige Lösungen sind schwierig

Corona Bus
Nach Schulschluss kommen an der Waldorfschule Engelberg mehrere Busse an, die Schüler in alle Himmelsrichtungen transportieren. © ALEXANDRA PALMIZI

Es passt irgendwie nicht zusammen, findet ein Vater aus Lichtenwald, der sich in unserer Redaktion gemeldet hat: Zu Hause lebe man den Kindern vor, dort wo es geboten sei, Abstand zu halten und Maske zu tragen, genauso werde in der Schule auf alles streng geachtet. „Und dann steigen sie in den Bus und es gelten keine Regeln mehr.“ So zumindest hätten seine Kinder ihm die Situation im Bus beschrieben: rappelvolle Enge, viele unbedeckte Münder und Nasen.

Der Mann spricht speziell von der Buslinie 262, auf der seine Kinder zur Waldorfschule Engelberg und zurück nach Lichtenwald unterwegs sind. „Die Waldorfschule hat ein unglaublich großes Einzugsgebiet“, sagt er. „Wenn da was passiert, ist das ein Hotspot, der das weit rausträgt.“ Tatsächlich ist das Problem der Enge in den Schulbussen jedoch keines, das auf eine Schule oder eine Buslinie beschränkt wäre. Die Landratsämter haben es auf dem Schirm. Allein: Die Lösung ist schwierig. Die Busunternehmen tun sich schwer, weitere oder größere Fahrzeuge zu stellen.

Das Landratsamt in Waiblingen will nach Auskunft der Pressestelle des Rems-Murr-Kreises jetzt auf einzelne Schulen zugehen, bei denen es auf den Buslinien Kapazitätsprobleme gibt. Ziel sei es, so das Landratsamt, gemeinsam zu überlegen, ob es Lösungen gibt wie weiter entzerrte und gestaffelte Zeiten für den morgendlichen Schulbeginn, um Ballungen von Schülern in den Bussen zu vermeiden.

Kapazitätsengpässe bei den Bussen mittags nach Schulschluss

Volle Busse gibt es aber nicht nur morgens. Auch nach Schulschluss am frühen Nachmittag gebe es Gedrängel und Enge, sagt der Vater aus Lichtenwald beispielhaft für die Linie 262 zwischen Waldorfschule und Plochingen. Tatsächlich sieht das Landratsamt in Esslingen, das für die Schülerbeförderung auf der Linie zuständig ist, das Problem hier vor allem mittags zur Rückfahrt von der Schule. Die Busse mit je nach Hersteller 33 bis 38 Sitzplätzen seien morgens mit 30 bis 40 Schülern besetzt, heißt es von dort. Aber: „Die Rückfahrten mittags sind deutlich voller. Hier haben wir die Kapazitätsengpässe.“ Der Busunternehmer werde hier nachsteuern, er verfüge aber noch nicht über zusätzlich nötige Fahrzeuge.

Das ist ein wichtiger Knackpunkt. Denn Geld stellt das Land für zusätzliche Busse und Fahrten zur Verfügung, wenn angefordert. Aber: „Es ist nicht so einfach, Fahrzeuge zu beschaffen und dann auch Fahrer dafür zu finden“, sagt Frank Fischle, dessen Esslinger Busunternehmen die Linie 262 bedient. „Wir sind dran, brauchen aber noch etwas Zeit.“

Wie voll darf ein Schulbus sein?

Ab wann ist ein Schulbus unter Infektionsschutzgesichtspunkten überhaupt zu voll? Die vom Land zusammen mit Stadt- und Landkreisen erarbeiteten Kriterien lauten: Wenn alle Sitzplätze in einem Bus besetzt sind und mehr als 40 Prozent der verfügbaren Stehplätze ebenfalls, dann ist der Schwellenwert erreicht, bei dem Handlungsbedarf besteht.

Busunternehmer Frank Fischle rechnet die Prozentzahlen so um: Bei einem Solobus spreche man dann von einer Besetzung mit 50 bis 60 Personen, bei einem Gelenkbus von 75 bis 80. In der Praxis sei es für einen Fahrer aber schlicht nicht möglich, die Schüler, die in seinen Bus drängen, durchzuzählen. Fahrplan einhalten, Fahrgäste zählen, Maskenpflicht kontrollieren – „Man kann nicht alles vom Fahrer verlangen“, sagt Frank Fischle.

Was die Kontrolle der Maskenpflicht angeht, seien seine Fahrer angewiesen, sich nicht in Auseinandersetzungen zu begeben, sondern in Härtefällen die Polizei zu rufen. Aber auch da: Ein Busfahrer könne in einem vollen Bus nicht während der Fahrt ständig darauf achten, ob alle die Maske vor Mund und Nase haben.

Und was sagen die Virologen zum Risiko des Busfahrens? Ganz allgemein halten die meisten das Risiko für beherrschbar – unter bestimmten Voraussetzungen und mit Vorsichtsmaßnahmen. Ganz klar ist für die Fachleute ein Punkt, zum Beispiel sagte der Mainzer Virologe Bodo Plachter in einem Interview mit dem SWR: „Wenn so viele Schüler eng beisammenstehen, ist das auf jeden Fall ein Problem.“ Und: Ohne Abstand und ohne Mund-Nasen-Schutz in einem Schulbus zur Schule zu fahren, stelle definitiv ein Risiko dar.

Elterntaxis sind keine gute Alternative

Aber wie hoch ist es, dieses Risiko, wenn die Abstände eben nicht mehr einhaltbar sind? Ist es vertretbar angesichts der fehlenden Alternative? Die Schüler sollten ja zu Schule und dass alle von den Eltern gebracht werden, geht nun mal nicht. Selbst wenn alle Mamas und Papas Zeit hätten, jeden Morgen ihren Nachwuchs zur Schule zu karren und nachmittags wieder abzuholen, würden dann die Elterntaxis die Straßen vor den Schulen hoffnungslos verstopfen und es wäre die Frage, ab welchem Punkt die Unfallgefahr die Corona-Infektionsgefahr übersteigt.

Felix Maier, Geschäftsführer der Freien Waldorfschule Engelberg, plädiert dafür, „das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten“. Ihm sei nicht bekannt, dass Infektionen aus Schulbussen heraus verteilt worden wären. Gab es solche Fälle schon mal in Baden-Württemberg? Das Landesgesundheitsamt sagt auf Nachfrage: Es lägen „keine Kenntnisse über Erkrankungshäufungen im Zusammenhang mit Schulbussen vor, da dies keinen Meldetatbestand im Sinne des Infektionsschutzgesetzes darstellt“.

Felix Maier fände es jedoch unabdingbar, sich vor der Anordnung irgendwelcher Maßnahmen wie versetzter Zeiten für den Schulbeginn genau anzuschauen, wo das bisherige Infektionsgeschehen überhaupt herkomme. Denn jede neue Maßnahme ziehe viel nach sich: „Man sollte nicht unterschätzen, was das für einen Stress erzeugt in den Elternhäusern und bei den Lehrern.“ Zu einer Verschiebung von Schulbeginnszeiten meint er: „Da fliegen uns die kompletten Stundenpläne um die Ohren. Wir müssen für um die 100 Lehrer alles neu ordnen, dass das wieder passt.“

Und zu den ganz aktuell aufkommenden Überlegungen, die Winterferien zu verlängern, sagt Felix Maier: „Da fehlen mir die Worte.“ Wie, fragt er, sollten Eltern damit klarkommen, die jetzt schon ihren Urlaub abgefeiert hätten, weil ihre Arbeitgeber sie in Kurzarbeit geschickt hätten?

Es passt irgendwie nicht zusammen, findet ein Vater aus Lichtenwald, der sich in unserer Redaktion gemeldet hat: Zu Hause lebe man den Kindern vor, dort wo es geboten sei, Abstand zu halten und Maske zu tragen, genauso werde in der Schule auf alles streng geachtet. „Und dann steigen sie in den Bus und es gelten keine Regeln mehr.“ So zumindest hätten seine Kinder ihm die Situation im Bus beschrieben: rappelvolle Enge, viele unbedeckte Münder und Nasen.

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