Winterbach

Weshalb Misteln auf heimischen Obstbäumen nichts zu suchen haben

Mistelaktion
Mitglieder des Obstbaurings kämpfen gegen den Schmarotzer: Nur durch regelmäßige Pflege ist der Mistelplage beizukommen. © Gaby Schneider

Mit Misteln macht Eugen Hetzinger kurzen Prozess: „Runter damit, und zwar rechtzeitig“, sagt der Vorsitzende des Obstbaurings Winterbach-Rohrbronn. Und das rät er auch allen Gartenbesitzern, auf deren Grundstücke Obstbäume wachsen: „Leute, schneidet eure Misteln runter, rechtzeitig, sonst geht der Baum ein.“ Hetzinger und Vereinsmitglieder haben bei vier Arbeitseinsätzen diesen Monat Apfelbäume auf gemeindeeigenen Streuobstwiesen am Engelberg von der Schmarotzerpflanze befreit.

Mistel missbraucht  den Baum und saugt ihn aus

Die Mistelzweige sind das Problem, erklärt Hetzinger. Immer noch werden sie gern, meist aus Brauchtumsgründen, als weihnachtliche Zier arglos in die feierliche Stube oder an die Eingangstüre gehängt. Was sie in der freien Natur anrichten, ist nach Hetzingers Schilderung aber nicht mehr feierlich: Die Vogelwelt pickt sich die Beeren raus und frisst sich von Baum zu Baum. Über den Kot scheiden die Vögel die Kerne aus und verteilen sie munter. Diese Kerne bohren sich so tief in das Rindenholz, dass die Wasseradern im Ast unterbrochen werden.

Die Mistel missbraucht den Baum als Wirtsorganismus, der quasi ausgesaugt wird. Der Mangel an Wasser und Mineralien lasse innerhalb weniger Jahre einen Ast absterben. „Wenn man dem nicht Einhalt gebietet, ist der Baum zum Tode verurteilt“, sagt Eugen Hetzinger.

Wie ein „Krebsgeschwür“, das unaufhörlich fortschreitet

Hat sich die Mistel erst einmal eingenistet, bildet sie kugelförmige Nester in den Baumkronen. Hetzinger vergleicht die „Bollen“ mit einem „Krebsgeschwür“, das unaufhörlich fortschreite. Im Winter an den laubfreien Bäumen sind sie von weitem erkennbar. Insbesondere auf Apfelbäume scheint es der Parasit abgesehen zu haben.

Niemand muss zu Heldentaten schreiten, gegen den Mistelbefall zeigen schon kleine Taten Wirkung: Auslichten reicht. „Wenn Stücklebesitzer einmal im Jahr die Misteln und das abgetragene Holz raussägen, dann ist schon viel getan“, so Hetzinger. Nur durch regelmäßige Pflege ist den Schmarotzerpflanzen beizukommen.

Am Engelberg, wo die Schmarotzerpflanze überhandgenommen hat, haben Helfer des Obstbaumrings bei vier Arbeitseinsätzen befallene Zweige an rund 180 Bäumen abgesägt. Handlungsbedarf sei schon 2019 festgestellt worden. Bereits bei der von der Gemeinde organisierten Gemeinschaftsarbeit habe der Obstbaumring unter damaliger Leitung von Rudi Schwind und, begleitet von Fachwart Fritz Oesterlen, Misteln runtergesägt, die Zeit sei aber zu knapp gewesen, um alle zu erwischen.

Dann ist drei Jahre lang nichts passiert. Vergangenes Jahr habe der Obstbauring den Faden wieder aufgenommen, im Zusammenhang mit Ausbesserungsarbeiten am eigenen Brunnen beim Infozentrum des Vereins. Der Brunnen werde über eine offene Wasserzufuhr gespeist und müsse mehrmals jährlich gereinigt und entschlammt werden. In dem zwölf Meter langen Zulauf sammle sich vom Berg geschwemmtes Bodenmaterial. „Damit nicht noch mehr Schlamm reinkommt, haben wir Rohre und Schieber installiert“, so Hetzinger. Die Gemeinde sei für die Materialkosten aufgekommen.

Rund 137 Stunden war der Obstbaumring im Einsatz

Als Gegenleistung und Dankeschön an die Gemeinde habe der Obstbauring die Gemeindeflächen mit Hochentastern und Sägen kräftig ausgelichtet. Beim letzten Arbeitseinsatz seien sie zu zehnt ausgerückt. Einmal hätten 19 Mitglieder angepackt.

Es sei doch mehr zu tun gewesen als angenommen. berichtet Hetzinger. Aus den veranschlagten zwei halben Tagen seien vier geworden. Rund 137 Stunden hätten sie für die 15 Hektar große Fläche gebraucht, davon entfallen zehn Hektar auf das Eichenwäldle.

"Mistelgipfel" im August durchgeführt

Bereits im Dezember habe die mit ins Boot genommene Waldorfschule auf ihren Wiesengrundstücken im oberen Bereich des Engelbergs Misteln entfernt und Bäume gefällt. Vergangenen August sei bei einem „Mistelgipfel“ zwischen Gemeinde, Waldorfschule und Obstbaumring entschieden worden, dass einige Bäume sogar gerodet gehören. „Einige sahen so schlimm aus, dass eine Mistelentfernung keinen Sinn mehr gemacht hätte, da wäre am Ende nur noch der Stamm dagestanden.“

26 Bäume seien nicht mehr zu retten gewesen, die Hälfte hätten sie dennoch stehen lassen als ökologisch wertvolles Totholz für die Vogelwelt. Rund um das Gebiet Schafstall sollen nun noch die Grundstückseigentümer auf ihre befallenen Bäume hingewiesen werden und beim Mistelentfernen nachziehen. „Denn wenn wir einen stehen lassen, war unser Geschäft umsonst“, sagt Hetzinger.

Obstbaumring hofft auf vertiefte Kooperation mit Waldorfschule

Ein Anfang sei gemacht. Der Plan sei, künftig jährlich durchzugehen und mit Sägearbeit die Verbreitung der Mistel zu verhindern oder in Schach zu halten. Vielleicht, hofft Hetzinger, könne die Aktion den Kontakt zur Schule vertiefen. „Wir hoffen auf eine dauerhafte Verbindung und dass sich die Schule mit ihren Obstbaumwiesen zertifizieren lässt.“ Dadurch lasse sich ein höherer Preis für das Obst erzielen, zugleich verpflichte sich die Schule zur regelmäßigen Pflege der Streuobstwiesen. Wichtig ist ihm auch, ein Bewusstsein zu fördern, dass Misteln nicht unter Naturschutz stehen. „Sie gehören runtergesägt, unbedingt rechtzeitig, bevor der Baum zu arg befallen ist.“ Die abgezwackten Misteln werden vom Bauhof an den Weg geschoben, dort eingesammelt und gehäckselt.

Wie schlimm sind Misteln im Vergleich zum Feuerbrand?

Die Hackschnitzel werden verkauft an Hauseigentümer, die ihre Heizung damit betreiben. Die Frucht – Hetzinger sagt „Mistelkerle“ zu ihr – werde durch das Häckseln zermahlen und unschädlich gemacht. Im Gegensatz zur Krankheit Feuerbrand, bei dem vor 30 Jahren reihenweise Bäume gerodet werden mussten.

Denn schon einmal habe eine Plage den heimischen Streuobstwiesen zugesetzt; der durch ein Bakterium ausgelösten Pflanzenkrankheit Feuerbrand seien aber hauptsächlich Birnen zum Opfer gefallen. Die Misteln hingegen gehen nahezu ohne Ausnahme den Apfelbäumen an den Kragen, darunter seien viele wertvolle Hochstammbäume mit alten Mostapfelsorten.

Und es gebe einen weiteren Unterschied zu damals: „Beim Feuerbrand kann man fast nichts weiter tun, als den Bäumen machtlos beim Sterben zuzusehen. Bei den Misteln aber kann man was tun“, so Hetzinger.

Mit Misteln macht Eugen Hetzinger kurzen Prozess: „Runter damit, und zwar rechtzeitig“, sagt der Vorsitzende des Obstbaurings Winterbach-Rohrbronn. Und das rät er auch allen Gartenbesitzern, auf deren Grundstücke Obstbäume wachsen: „Leute, schneidet eure Misteln runter, rechtzeitig, sonst geht der Baum ein.“ Hetzinger und Vereinsmitglieder haben bei vier Arbeitseinsätzen diesen Monat Apfelbäume auf gemeindeeigenen Streuobstwiesen am Engelberg von der Schmarotzerpflanze

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