Winterbach

Winterbach will "Fairtrade Town" werden

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Sie wollen, dass in Winterbach mehr fair gehandelte Produkte über die Ladentheken gehen: Matthias Kolb (Hauptamtsleiter der Gemeinde), Kornelia Drofenik, Telse Engelken, Elke Stiller und Barbara Berger. © Habermann/ZVW

Winterbach. Die Menschen in der Gemeinde stärker für nachhaltigen und fairen Konsum sensibilisieren, das ist Ziel von Elke Stiller und ihren Mitstreitern. Im Rathaus haben sie angeregt, dass Winterbach „Fairtrade-Town“ werden soll. Der Gemeinderat hat zugestimmt und die Bewerbung soll in der nächsten Zeit eingereicht werden. Wenn alles glatt läuft, dann könnte sich die Kommune schon zur Remstal-Gartenschau 2019 mit dem Titel schmücken.

Fairen Kaffee statt Discounterware in der Gemeinderatssitzung ausschenken, den eigenen Konsum kritisch hinterfragen und in der Schule über das Thema globale Gerechtigkeit sprechen. Um das zu tun, braucht es keinen Titel als „Fairtrade-Town“. Doch damit soll in Winterbach nun mehr Aufmerksamkeit für das Thema gerechter Welthandel generiert und ein Netzwerk für den Austausch, auch mit anderen Kommunen, geschaffen werden.

Die konsumkritischen Frauen und Männer, die das Thema ins Rollen gebracht haben, interessieren sich für die ganz großen Themen: die Bekämpfung von Fluchtursachen, globale Gerechtigkeit und nachhaltigen Konsum. Dabei haben sie vor allem den Handel in Winterbach in den Blick genommen. Es sollen in Zukunft mehr gerecht gehandelte Waren über die Theken gehen. Sie wollen so im Kleinen etwas gegen ein großes globales Problem tun.

Bewerbung soll bald eingereicht werden

Von ihrer Idee haben sie den Gemeinderat und Bürgermeister Müller überzeugt: Die Bewerbung als „Fairtrade-Town“ soll schon bald eingereicht werden. Verliehen wird der Titel von einem Kampagnenteam, das zu Fairtrade Deutschland gehört.



Die Idee, dass neben Schorndorf auch Winterbach „Fairtrade-Town“ werden könnte, kam von Elke Stiller, die sich seit den 80er Jahren mit dem Welthandel kritisch auseinandersetzt und ehrenamtlich im Weltladen „El Mundo“ arbeitet. Sie findet es „zutiefst ungerecht“, dass Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern ausgenutzt und nicht an den hohen Verkaufserlösen hierzulande beteiligt werden. Sie kritisiert die Landwirtschaftspolitik der EU, die durch ihre Subventionen die Märkte in ärmeren Regionen der Welt zerstört. Stiller fand in ihrem Bekanntenkreis schnell andere, die sich mit ihr erstmals im April trafen, um die Idee zu vertiefen.

Gemeinderat war einstimmig dafür

Der Gemeinderat war sogar einstimmig für die Sache. Matthias Kolb, der Hauptamtsleiter Winterbachs, betont, die Gruppe habe die Unterstützung der Gemeinde sicher. Er findet das Signal wichtig, dass Winterbach damit setzt, räumt aber ein, dass es sich bisher eher um ein „kleinen Flämmchen“ handelt, mit dem man versucht, ein globales Problem zu bekämpfen.

Eine Kommune muss fünf Kriterien erfüllen, um als „Fairtrade-Town“ anerkannt zu werden. Es braucht eine lokale Steuerungsgruppe, den Beschluss des Gemeinderates, ein paar Fairtrade-Produkte im Supermarkt, beim Floristen, im Einzelhandel, in Cafés und in zivilgesellschaftlichen Einrichtungen wie Schule und Kirche. Außerdem muss gezielte Öffentlichkeitsarbeit betrieben werden. Die Hürden, um diesen Titel zu bekommen, sind damit recht niedrig angesetzt.

Überzeugungsarbeit für faire Bananen und Rosen

Eine Gruppe und den Ratsbeschluss gibt es bereits, jetzt versucht das Team Unternehmer vor Ort zu überzeugen, etwa auf fair gehandelte Bananen oder Rosen umzusteigen. Einige Geschäfte würden bereits auf Fairtrade setzen, bei anderen müssten sie noch Überzeugungsarbeit leisten. Langfristig soll es einen Flyer geben, auf dem namentlich steht, welche Geschäfte mitmachen, also ein Anreiz für Händler und Gastronomen, bei dem Projekt mitzumachen.

Stiller und die anderen sind nicht naiv. Sie sind sich dessen bewusst, dass einige Unternehmer womöglich auch deshalb mitmachen werden, weil es gut für das eigene Image ist – „so realistisch muss man sein“, sagt Stiller.

Die Frauen und Männer kennen sich von der ehrenamtlichen Arbeit in Winterbach, etwa der Flüchtlingshilfe, wo auch Kornelia Drofenik aktiv ist. Sie hofft, dass durch mehr gerechten Handel Fluchtursachen bekämpft werden könnten.

„Alles, was man tut, ist politisch“, erklärt Berger

So hat jede der Frauen ihren Zugang zum Thema. Barbara Berger ist pensionierte Lehrerin und will Teenager und junge Erwachsene über Bildung sensibilisieren und aktivieren. Auf die Frage, ob die Gruppe sich auch politischen engagieren wird, erklärt Berger: „Alles, was man tut, ist politisch.“ Also auch das private Konsumverhalten.

Doch die Gruppe gibt auch zu, dass es beispielsweise bei Kleidung gar nicht so einfach sei, ein Geschäft zu finden, das auf die Bedingungen der Herstellung im Ausland achte. In Winterbach gibt es bisher nur konventionelle Bekleidungsgeschäfte. Eine Alternative sei Second-Hand-Kleidung, die gebe es auch in Winterbach zum Beispiel im „Lädle“ der Nachbarschaftshilfe, erklären sie.

Der Hauptamtsleiter Kolb hofft, dass die Auszeichnungsfeier im Rahmen der Gartenschau 2019 stattfinden kann, denn so könnten sehr viele Menschen erreicht werden. Deshalb wollen er und die Steuerungsgruppe den Antrag bei Fairtrade Deutschland in den nächsten Monaten einreichen. Auch Bürgermeister Sven Müller begrüßte die Initiative der Gruppe um Stiller: „Das Projekt passt zu Winterbach“, sagte er im Gemeinderat.

  • Die Gemeinden, die den Titel „Fairtrade-Town“ tragen, sind dazu verpflichtet, den fairen Handel auf kommunaler Ebene voranzutreiben. Personen aus Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft sollen sich vor Ort zusammenschließen
  • In Deutschland sind 564 Kommunen „Fairtrade-Town“
  • Schorndorf darf sich seit 2013 „Fairtrade-Town“ nennen