Deutschland

Masken keine Gefahr für Kinder: CO2-Gehalt in Untersuchung nicht präzise gemessen

Schule in Zeiten von Corona
Eine Maske liegt auf einem Tisch in einer Münchner Schule. Foto: Matthias Balk/dpa © Matthias Balk

Der Mund-Nasen-Schutz ist zu einem Symbol der Corona-Pandemie geworden. Manche haben dabei eine Abneigung gegen OP- und FFP2-Masken entwickelt. Ist es für Kinder «gesundheitsgefährdend», diese zu tragen? Seit ein sogenannter «Forschungsbrief» zu diesem Thema in einer amerikanischen Fachzeitschrift veröffentlicht wurde, wird das in zahlreichen Facebook-Posts behauptet.

Falsch. Mit der angeführten Untersuchung lässt sich ein Gesundheitsschaden bei Kindern durch Masken nicht belegen. Auch andere Studien kommen zu dem Schluss, dass OP- und FFP2-Masken bei gesunden Menschen keine Schäden verursachen.

Fakten

Der in der US-amerikanischen Fachzeitschrift JAMA Pediatrics veröffentlichte «Forschungsbrief» («Research Letter»), auf den sich der Post bezieht, weist zahlreiche gravierende Mängel auf. Als Nachweis dafür, dass das Tragen von OP- oder FFP2-Masken wegen erhöhten CO2-Werten für Kinder gesundheitsschädlich ist, eignet er sich nicht.

In dem dort ausgewerteten Experiment, das hier beschrieben wird, wurde mit einem Messgerät der CO2-Gehalt innerhalb von durch Kindern getragenen OP- oder FFP2-Masken gemessen und mit einem Grenzwert für Innenraumluft verglichen. Aus der beschriebenen Versuchsanordnung ergeben sich unter anderem folgende Probleme:

Statt das tatsächlich in der Atemluft enthaltene CO2 zu messen, wurde mit einem zwischen Mund und Nase angebrachten Schlauch der CO2-Gehalt der Luft innerhalb der Maske erfasst. Ähnlich wie bei einem Schnorchel atme man einen darin enthaltenen kleinen Teil der Luft immer wieder ein und aus, erklärt Trish Greenhalgh, Professorin für Medizinische Grundversorgung an der Universität Oxford, gegenüber der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Dieser sogenannte «Totraum» enthält auch einen Teil der selbst ausgeatmeten Luft, die etwa vier Prozent CO2 enthält. Das führt dazu, dass die dort gesammelte Luft einen erhöhten CO2-Gehalt hat. Das entspreche aber nicht der eingeatmeten Luft, so Greenhalgh. Der mit Abstand größte Teil der Atemluft komme von außerhalb der Maske. Dieses Phänomen wurde bereits in einem anderen Faktencheck beschrieben.

Ungewöhnlich ist zudem, dass ein anderer relevanter Wert bei der Untersuchung zwar gemessen, die Ergebnisse aber nicht veröffentlicht wurden: Die Sauerstoff-Sättigung im Blut der Kinder.

Außerdem ist das verwendete Messgerät für diesen Versuch nicht geeignet. Der verwendete Geotech G100 ist für den Einsatz in Inkubatoren zur Züchtung von Zellkulturen entwickelt worden und für eine Analyse der Atemluft «nicht zertifiziert und nicht vorgesehen», wie der Hersteller der dpa auf Anfrage mitteilt

Ein Grund dafür ist die sogenannte Reaktionszeit. Der G100 hat eine Reaktionszeit von «≤ 20», braucht also bis zu 20 Sekunden, um auf eine Veränderung zu reagieren. In dieser Zeit hat ein normal atmender Mensch bereits mehrfach ein- und ausgeatmet, die Werte wechseln also schnell. Da steigende Werte laut Umweltbundesamt von solchen Geräten schneller angezeigt werden als sinkende, verfälscht die Verwendung eines solchen Messgeräts die Werte nach oben.

Nach Worten von Professorin Greenhalgh müsste man stattdessen für so einen Versuch ein sogenanntes Kapnographie-Gerät verwenden, mit dem auch Patienten in Kliniken überwacht werden. Solche Messgeräte reagierten bereits innerhalb von Millisekunden auf Veränderungen. In einer Studie aus Italien zu derselben Fragestellung, allerdings beschränkt auf OP-Masken, wurde die Atemluft von Kindern mit einem solchen Gerät gemessen.

Dabei konnten die Autoren bei solchen Masken «keine Veränderung in der Atmungsfunktion» der Kinder feststellen. Das Umweltbundesamt hat mehrere Studien ausgewertet, in denen auch FFP2-Masken untersucht wurden und zitiert aus einer davon, der Einsatz habe zu einer «messbaren, aber klinisch nicht relevanten Veränderung» geführt.

Laut eigenen Angaben der Autoren wurde der «Forschungsbrief» vom Verein «Mediziner und Wissenschaftler für Gesundheit, Freiheit und Demokratie» organisiert und durch Erstattung von Reisekosten unterstützt. Der Verein, der in der Vergangenheit vor allem durch Öffentlichkeitsarbeit gegen die Pandemie-Maßnahmen aufgefallen ist, wirbt auf seiner Internetseite mit der Studie für ein Ende der Maskenpflicht an Schulen - ohne dabei auf die eigene Rolle bei der Untersuchung hinzuweisen.

Unklar ist, ob solche «Forschungsbriefe» die bei Fachzeitschriften wie JAMA Pediatrics übliche Beurteilung durch anerkannte Fachkollegen auch durchlaufen. Auf eine entsprechende Anfrage der dpa antwortete die Fachzeitschrift bis 12.7.2021 nicht. Nachdem sich im Kommentarbereich neben dem Artikel zahlreiche Leser über die Mängel beschwert hatten, schrieb der Chefredakteur, die «zahlreichen Kommentare und Bedenken würden derzeit bewertet», die Autoren seien um eine Antwort und zusätzliche Informationen gebeten worden.

Eine andere Studie des Hauptautors, des Psychologen und Philosophen Harald Walach, zum Thema Impfungen wurde Anfang Juli von der Fachzeitschrift «Vaccines» wegen Fehlern zurückgezogen, die die Ergebnisse «fundamental» beeinflussen. Die Ergebnisse dieser Studie waren ebenfalls in einem Faktencheck überprüft worden.

(Stand: 12.7.2021)