Kleine Kehrwoche

Öffentlich taggen und witzeln

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Facebook
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SchwappachM10
Portrait Mathias Schwappch fuer Kehrwoche. © Ralph Steinemann Pressefoto

Folgende Situation: Bei Facebook wird ein Artikel geteilt. Darin geht es zum Beispiel um einen Mann, der am helllichten Tag nackt durch die Gegend rennt – woran sich zurecht mancher Passant stört und die Polizei ruft. Die Meldung aber sticht aus dem derzeit viral belasteten Alltag hervor, ist skurril, lustig, wird oft angeklickt. Was dann aber passiert, mit Verlaub, verstehe ich gar nicht.

Plötzlich fangen Leser dieses Beitrags an, Bekannte und Freunde in Kommentaren zu markieren: Der jeweilige Nutzername wird mit einem @-Zeichen davor in die Kommentarzeile gesetzt, jener Nutzer wird darüber informiert. Gedacht ist diese Funktion dafür, um andere auf einen Beitrag oder die zugehörige Diskussion aufmerksam zu machen. Den hiesigen Kommentierenden geht es aber um etwas anderes: „Hattesch dich net im Griff? HAHA!“ Der auf diese Weise Angesprochene würdigt dies sogar noch einer Antwort: „Alda, grad’ du HAHAHA!“ Hierzu die Anmerkung: Dieses Beispiel ist leiderfrei erfunden – wenngleich auch nicht hier aus der Gegend.

Sie mögen mich jetzt spießig oder humorlos nennen. Aber nein, ich persönlich möchteunter irgendwelchen Artikeln mit skurrilem Inhalt markiert und damit in Zusammenhang gebracht werden – auch nicht zum Spaß. Und ich frage mich, wer sowas ernsthaft wollen kann. Facebook und Co sind schon längst nicht mehr ganz so anonym, wie es einige Nutzer vielleicht denken.

Bei der oben genannten Meldung mag das ja noch in eine Grauzone derben Humors fallen. Bedenklich wird es jedoch an der Stelle, wo Beiträge nicht mehr zum Lachen sind: extreme politische Meinungen, Privates, sexuelle Inhalte, Drogen oder Verbrechen; immer da, wo Menschen zu Opfern werden, ist anzuzweifeln, dass jemand in so einen Kontext gesetzt werden will. Bei einem Artikel über einen Grapscher hat ein User einen anderen darunter markiert mit den Worten: „Hattesch Druck? HAHAHA!“ Der Angesprochene hat darauf für mich nachvollziehbar reagiert: „Geht’s noch? Bist blockiert. Ar***loch.“

Rechtlich gesehen darf man übrigens Namen – sofern kein Informationsinteresse der Allgemeinheit vorliegt – nur mit dem Einverständnis des Genannten veröffentlichen. Dazu kommt für mich die Empathie, die manche Menschen leider vermissen lassen: Nicht alles ist Party, lustig, Selbstdarstellung. Es gibt Grenzen. Das ist eine davon.

Freundliche Grüße, Ihr Mathias Schwappach