Kleine Kehrwoche

Auf der Jagd nach den Tonies

Markus Distelrath - mouse-g85c5545a0_1920
Kinderhörspiele 2.0, ein gutes Geschäft für die Erfinder: Zum Beispiel Tonie-Figuren von der "Sendung mit der Maus". Und auch die Tonie-Box selbst gibt es in verschiedenen Farb-Varianten. © Markus Distelrath / Pixabay

Ein bisschen fühlt man sich wie ein Star am Broadway: Man verbiegt sich und verrenkt sich auf der Jagd nach einem Tonie – nur sind in diesem Fall nicht die Musical-Preise gemeint, sondern etwas, das wirklich jeder für ein paar mehr Euro bekommen kann. Wenn er schnell ist.

Die Rede ist von den Tonie-Hörfiguren und der zugehörigen Tonie-Box. Wer keine Kinder hat, wird all das kaum kennen; wer welche hat, rollt jetzt mit den Augen. Denn die Tonie-Box ist wohl das cleverste derzeitige Geschäftsmodell, um Eltern mit herkömmlichen oder alten Produkten, jene in neuer „Verpackung“, so richtig viel Geld aus der Tasche zu ziehen und einen wahren Hype zu kreieren. – Jeder weiß das und macht trotzdem mit.

Was mir als Kind die Hörspielkassetten waren – und danach war ich geradezu süchtig! – sind Kindern heute die Tonies. Es handelt sich um Hörspiele und Musik, die auf einem dem Inhalt angepassten putzigen Figürchen in die Haushalte kommen. Dort setzt man die Figur auf die zugehörige Tonie-Box, worauf sie magnetisch sitzenbleibt – und schon geht’s los. Klingt super, ist aber kostspielig: Für eine Tonie-Figur zahlt man regulär rund 15 Euro. Zum Vergleich: Aus der Hörspielreihe „Conni“ kostet eine Box mit fünf CDs (!) bei Amazon 13 Euro. Auf den entsprechenden Tonies ist jeweils nur eine CD.

Was die Erschaffer der Box richtig machen, ist der Hype, den sie um ihre Darreichungsform schaffen. Praktisch gesehen: Kinder haben Spaß, können Boxen und Figuren selber bedienen, kriegen sie kaum kaputt und können selber eine Auswahl treffen. Aber letztlich sind es einfach nur alte Geschichten auf neuem Medium für viel Geld, was dem Ganzen obendrein noch eine gewisse Exklusivität verleiht: Wer etwa den neuesten Trend-Tonie noch nicht hat, ist auf dem Spielplatz gleich durchgefallen.

Vergangene Woche gab es einige der Figürchen bei Aldi. Binnen Minuten nach Ladenöffnung, so erzählte es mir ein Mitarbeiter der hiesigen Filiale, waren sämtliche Doppelsets vergriffen. Zwei Figuren für 20 Euro – also 10 Euro gespart. Glückwunsch an die erfolgreichen „Jägerinnen“ und „Jäger“. Und Glückwunsch an die Marketing-Strategen, die schon Wochen vorher in Mami-Gruppen online Druck aufgebaut haben, auf dass jeder Elternteil sich verbiegt und verrenkt – um neue Tonies zu erjagen, die sich dann auch fast wie Trophäen anfühlen.

Freundliche Grüße, Ihr Mathias Schwappach