Kleine Kehrwoche

Ausverkauf der Volksmusik

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Trachten und Volksmusik: Ein traditionelles Bild bei einem Volksfest - aber hat dieses Bild in diesem Umfeld auch eine Zukunft? © Hans Lohrmann / Pixabay

Dass auf Münchner Wiesn und Cannstatter Wasen oftmals ein Klischeebild zelebriert und dabei auf Authentizität gepfiffen wird, ist ein altes Thema. Wenn sich junge Burschen und Mädels beim Discounter Polyester-Dirndl und -Lederhosen kaufen, um im Bierzelt die passende „Uniform“ zur Maß zu tragen – geschenkt. Wenn auf einem schwäbischen Volksfest bayrisch inspirierte Pseudo-Trachten getragen werden – sei’s drum. Aber wie steht’s mit der Offenheit gegenüber alter Festzelt-Kultur?

Die traditionelle „Kapelle Josef Menzl“ war im neuen Bräurosl-Festzelt auf der Wiesn zunächst gut gebucht. Jedoch erdreisteten sich die Musiker, ausschließlich Blasmusik zu spielen. Es gab harsche Kritik über soziale Medien: Das Zelt sei halb leer, es komme keine Stimmung auf, Bedienungen seien wegen ausbleibendem Umsatz mies drauf. Die Stadt bestellte Festzeltwirt Peter Reichelt zum Gespräch. Man beschloss, dass Menzl & Co zwar weiterhin spielen dürften, aber nur nachmittags. Abends übernehmen „Erwin und die Heckflossen“, um mehr Publikum anzulocken. – Aber welches denn eigentlich?

Die Antwort darauf kommt einer Demaskierung gleich: Das überwiegend nur noch oberflächlich präsentierte Brauchtum auf Wiesn und Wasen ist über die Jahre ohnehin zur Kostümierung für einen Klon weiterer Ballermann-, Après-Ski- oder anderweitiger Party-Gelage verkommen. Alle leben von der trink- und feierfreudigen Masse, der aber traditionelles Brauchtum eher egal ist.

Wer diesen Gedanken weiterspinnt, dem offenbart sich die Tragweite der jüngsten Entwicklung: Wenn sich die „Kapelle Josef Menzel“ nicht verbiegen lassen möchte und zu ihrer Blasmusik steht, dadurch aber das „Volk“ beim „Volksfest“ fernbleibt – ist das dann noch „Volksmusik“? – Oder ist vielmehr die „Musik des Volkes“ inzwischen eine ganz andere – worin das Brauchtum höchstens noch als „Zitat der Vergangenheit“ mitschunkelt?

Es birgt eine gewisse Ironie, dass die Feierlaune in einem Festzelt sich aktuell vor allem daran bemisst, wie oft dort „Layla“ gespielt wird – wodurch sich jedoch das Fest zunehmend an jene verkauft (!), die dessen Ursprung und Tradition höchstens noch als Klischee pflegen. Das Publikum verlangt überwiegend „schöner, jünger, geiler“ – über diese Form des „cancel culture“ beschwert sich aber „erstaunlicherweise“ im „Layla“-Gefolge keiner.

Freundliche Grüße, Ihr Mathias Schwappach