Kleine Kehrwoche

Das kauzige Schneiderlein

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Gemütlich in einem Strandkorb lümmeln, essen und trinken, dabei einem Konzert lauschen - nicht jeder Künstler findet sowas gut. © Alexander Fradellafra / Pixabay

Es ist schon seltsam, wie bei manchen Menschen im Zuge der Pandemie und deren Herausforderungen Allüren zutage treten. Etwa bei Helge Schneider, der jüngst seinen Auftritt bei einem „Strandkorb-Konzert“ in Augsburg nach 30 Minuten abbrach: „Das macht keinen Spaß“. Bei allen vorgebrachten Argumenten – kaum Kontakt zum Publikum, zu viel Abstand, herumlaufendes Personal – aber selbst bei ein wenig Verständnis für empfindsame Künstlerseelen stellt sich dennoch die Frage: Geht’s noch?

Schneider erklärt in einem danach veröffentlichten Video, er wolle die Leute begeistern – und das sei ihm nicht gelungen. Aber an wem liegt das denn? Liegt das nun an dem von ihm angeprangerten „fadenscheinigen“ und „dummen“ System? – Oder verkennt hier ein offensichtlich erfolgsverwöhnter Blödel-Barde seine Privilegien?

Nehmen wir mal die Perspektive eines kleinen, eines weitaus weniger bekannten Künstlers ein; mit vergleichsweise wenig Reserven auf der hohen Kante. Schneider kritisierte in einer Talkshow, aktuell für 50 Euro anstatt wie früher 10.000 Euro pro Abend spielen zu müssen. Bitter, ja! Aber er verkennt dabei: Anderen ist noch nicht einmal das vergönnt. Schneider hat die Chance, mit seinen treuen Fans in Kontakt zu bleiben – und stößt sie stattdessen vor den Kopf. Und das, während so manche seiner Kollegen durch die Folgen der Pandemie zum Nichtstun oder Umsatteln gezwungen sind – um zu überleben.

Tatsächlich ist das Bild, das Helge Schneider hier abgibt, jenes eines erfolgsverwöhnten, arroganten, kauzigen, gar divenhaften Bühnenstars mit reichlich Star-Allüren. Wäre es ihm um die Fans gegangen, hätte er das Konzert durchgezogen. Wäre es wirklich ein Missverständnis gewesen – er behauptet, nicht gewusst zu haben, dass die Herumlaufenden zum Personal gehörten – hätte er auf die Bühne zurückkehren können. Die Video-Entschuldigung ist fadenscheinig, uneinsichtig und vorgeschoben.

Für jeden Künstler, der seit Beginn der Pandemie um seine Existenz bangt und für Auftritte dankbar ist, muss das ein Schlag ins Gesicht sein. Seitens des Veranstalters, der erwägt, Schneider auf Regress zu verklagen, sollte man dessen Slot für weitere Strandkorb-Konzerte jeweils an lokale Künstler vergeben. Solche Abende sind derzeit zu selten und für beide Seiten zu wertvoll, um sie von Launen abhängig zu machen. Das macht keinen Spaß!

Freundliche Grüße, Ihr Mathias Schwappach