Kleine Kehrwoche

Der Fall Winterhoff

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Was sehen wir hier? Gemäß Dr. Michael Winterhoff: Mit Sicherheit einen "narzisstischen Tyrann". Zum Glück steht dieser Mann nun vor Gericht. © Adina Voicu / Pixabay

Wer heute mit harten, pauschalisierenden Aussagen an die Öffentlichkeit geht, findet meistens ein Publikum. Vor allem dann, wenn es sich um einzelne, vom breiten Konsens abweichende Thesen handelt. Ein Gefühl scheint bestätigt, Fakten werden nicht geprüft; man fühlt sich verstanden, bestätigt, über die Masse erhaben. Ich rede vom Kinderpsychiater Dr. Michael Winterhoff, seiner absurden „Narzissmus“-Diagnose – und deren Opfern.

Zugestanden, es klingt verlockend: Da ist einer mit ‘nem weißen Kittel, der gestressten Eltern in Vorträgen und Büchern wie etwa „Warum unsere Kinder Tyrannen werden“ vermittelt: „Du bist gar nicht schuld am Verhalten deines Kindes, es ist ein Narzisst und in der Entwicklung verzögert – lass’ es uns ruhigstellen.“ Was in der verkürzten Darstellung als hanebüchener Unsinn erkennbar wird, ist nur die Quintessenz dessen, was Winterhoff in Büchern, Talkshows, in seiner Bonner Praxis sowie in Heimen oder Pflegefamilien jahrelang propagiert und ausgelebt hat. Dafür steht er jetzt vor Gericht. In einer ARD-Dokumentation wird der Fall nun aufgerollt.

Diagnosen liefen bei Winterhoff stets auf die Feststellung des „frühkindlichen Narzissmus“ hinaus. Dass es sich bei „Narzisst“ um keine Diagnose, sondern einen abwertenden Schmähbegriff handelt, mag dazu beigetragen haben, dass seine Idee von der Wissenschaft nie anerkannt wurde. In seiner Praxis, in Kinder- und Jugendheimen sowie in Pflegefamilien waren seine Opfer ihm jedoch ausgeliefert: Bei vielen verordnete er über Jahre hinweg das sedierende Notfall-Psychopharmakon Pipamperon, leistete kaum Aufklärung, ignorierte das Individuum und stellte es sogleich ruhig. Wenn Eltern oder Vormunde versuchten, das Mittel abzusetzen, setzte sich Winterhoff mitunter sogar für einen Entzug des Sorgerechts ein.

Mit der Erhebung der ersten Anklage kommt hoffentlich ein Stein ins Rollen: Opfern mit Spätfolgen wird nun Gehör geschenkt. Und wer Winterhoffs Thesen ungeprüft übernahm, muss sich die Frage stellen, was ihn dazu veranlasste: Dessen selbstinszenierende Medienpräsenz? Sein Doktortitel? Seine „Bücher“? – Die Lehre aus alldem: Wenn da ein einziger Typ etwas erkannt haben will, was zig Fachkollegen prüfen und als unwissenschaftlich ablehnen, liegt es nahe, wo ein Fehler zu suchen und Skepsis angebracht ist. – Und am Ende des Tages sagt uns nur einer, was für ein Kind das Beste ist: das Kind.

Freundliche Grüße, Ihr Mathias Schwappach