Kleine Kehrwoche

Die Frage ist: Warum nicht?

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Hat er einen Fahrschein oder nicht? Sieht man das einem Menschen an? Und wie sollte man diese Leute nennen? © Pexels / Pixabay

In Berlin und München wollen öffentliche Verkehrsbetriebe den Begriff „schwarzfahren“ abschaffen, weil er mutmaßlich rassistisch verstanden werden könnte. Doch ist er auch so gemeint? Und spielt dies denn eine Rolle?

Tatsächlich bezog sich das Wort „schwarz“ hier noch nie auf die Hautfarbe eines Mitfahrers. Als einst Eisen- und Stadtbahnen eingeführt wurden, waren es vorwiegend Menschen ärmerer Schichten, die dort mitfuhren. Viele von ihnen konnten sich keine Fahrscheine leisten. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam der umgangssprachliche Begriff des „Schwarzfahrens“ auf, abgeleitet von dem jiddischen Wort „shvarts“ – was „Armut“ bedeutet. Er nimmt also Bezug auf jene Mitfahrer, die sich aus Geldmangel keinen Fahrschein leisten konnten.

Nun machen die Verkehrsbetriebe in Hamburg, München und weitere gar keinen großen Hehl daraus, dass es bei der Abschaffung des Begriffs weniger um ein tatsächliche, vielmehr um eine gefühlte Diskriminierung gehe: Menschen mit dunkler Hautfarbe könnten sich durch den Begriff herabgesetzt fühlen. Und hier betreten wir nun echtes Neuland in der gesellschaftlichen Debatte rund um Diskriminierung: Man fragt nicht mehr, ob etwas nun wirklich so gemeint ist oder nicht; ob der, den es betreffen könnte, womöglich zu empfindlich sei; nein, man lässt es einfach weg. – Die Abschaffung erfolgt aus Rücksicht.

Rücksicht ist das, was der Debatte an vielen Stellen fehlt. Man kann sich echauffieren über vorauseilenden Gehorsam, Sprachhysterie, Übertreibungen. Man kann es ins Lächerliche ziehen und fragen, ob man noch Schwarzwild, Schwarzwald oder Schwarzgeld sagen darf, was Arnold Schwarzenegger nun tun soll und ob Amazon noch seinen „Black Friday“ anbieten darf. Allerdings verkennt solche Polemik den ehrenhaften Ansatz. Anstatt zu fragen „Warum?“, lässt sich auch fragen: Warum nicht?

Tritt man einen Schritt zurück, nimmt die Emotion raus und fragt, was genau Hellhäutige an der Abschaffung des Wortes stört, bekommt man Antworten wie: zu umständlich, aufwendig, man muss umdenken – aber gar nichts, was rational dagegen spricht. Ich begrüße den Vorstoß, glaube aber nicht an einen Erfolg, was die derzeit unverhältnismäßig hitzigen Reakionen zeigen. Erneut gilt: Eine Sprachänderung wird keinen Fortschritt bewirken, der in den Köpfen längst noch nicht angekommen ist.

Freundliche Grüße, Ihr Mathias Schwappach