Kleine Kehrwoche

Die Grenzen von „True Crime“

Tumisu  - killer-g8be4d0f97_1920
Das Genre der Inszenierung und Nacherzählung wahrer Verbrechen als Film oder Serie nennt man "True Crime" - und das ist beim Publikum derzeit extrem beliebt! © Tumisu / Pixabay

Das Thema „True Crime“ erfreut sich aktuell im Fernsehen und bei Streamingdiensten großer Beliebtheit. Gemeint sind damit inszenierte Nacherzählungen, basierend auf realen Biographien verurteilter Verbrecher. Bei Netflix stand jüngst „Dahmer“ sehr hoch im Kurs, worin die Geschichte des amerikanischen Serienmörders Jeffrey Dahmer erzählt wurde. Auch schon vorher wurden Erfolge gefeiert mit „Inventing Anna“ oder „Narcos“.

Die Gefahr solcher Inszenierungen liegt darin, dass Sympathien mit Tätern entstehen, wodurch das Leid der Opfer bagatellisiert wird. Ich erinnere mich an den Film „Der Untergang“ von Oliver Hirschbiegel, der 2004 ins Kino kam und die letzten Tage des Zweiten Weltkrieges im Berliner Führerbunker erzählte. Da gab es anfangs eine Szene, in der Adolf Hitler (Bruno Ganz) eher väterlich gezeigt wurde im Einstellungsgespräch mit seiner Sekretärin Traudl Junge (Alexandra Maria Lara). Sowas ist akzeptabel, sofern eine spätere Einordnung erfolgt.

Vom künstlerischen Standpunkt her ist es wohl vertretbar, zu zeigen, dass hinter jedem „menschlichen Monster“ eben auch ein Mensch steht – aber es gibt Grenzen. Wenn man bei fiktiven Charakteren wie etwa in „Ocean’s Eleven“ mit einem Danny Ocean (George Clooney) mitfierbert, wenn jener trickreich Casinos ausräumt, ist das eine Sache. Wenn man in „Inventing Anna“ mit der Betrügerin Anna Sorokin ums Auffliegen bangt, dann geht es immerhin „nur“ um Geld. Dahingegen hat man in „Dahmer“ viel mehr richtig gemacht: Da kommt keine Sympathie auf. Nicht einmal mit der involvierten Polizei, wo sogar rassistische Tendenzen thematisiert werden.

Auf RTL läuft nun eine „Dokumentation“ über den Rapper Anis „Bushido“ Ferchichi, die inszenierten „True Crime“-Shows echte Menschen mit eigenen Geschichten entgegenstellt. Das „Problem“ daran: Peter Rossberg, Regisseur von „Bushido – Reset“, ist ein Freund seines Protagonisten: Der wird also – trotz unklarer Verwicklungen und weiterhin Kontakten ins Clan-Milieu – eher unkritisch, distanzlos, rein als geläuterter, treusorgender Papa und Ehemann dargestellt. Das Bild von ihm wird stark verklärt – und hier verläuft die Grenze: Wenn Tatsachen neu erzählt, quasi per Mehrheitswahrnehmung umgeschrieben, und kritische Aspekte zugunsten eines „menschlichen Bildes“ ganz ausgeklammert werden, ist das weder Serie, noch Doku – es ist reine Propaganda.

Freundliche Grüße, Ihr Mathias Schwappach