Kleine Kehrwoche

Echte Auswahl gab es nicht

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Damals durfte man noch Fan sein und hoffen: "12 Points" gab es beim ESC zuletzt für Lena im Jahr 2010. Danach war die Punkte-Ausbeute stets eher mau. © ZVW

Dass eine ARD-Show zum Vorentscheid des „Eurovision Song Contest“ (ESC) sich „Germany 12 Points“ nennt, ist schon fast zynisch. Es ist seit Jahren ein Trauerspiel. Und nun, als diesmal die Chance auf eine Veränderung samt Siegertreppchen auf dem Silbertablett serviert wurde, stolperte man letztlich über den eigenen Kleingeist.

Gewonnen hat den Vorentscheid Malik Harris aus Landsberg am Lech. Der deutsch-amerikanische Sänger gewann mit seinem Stück „Rockstars“, das von einer unbeschwerten Kindheit erzählt und sich auf schöne Momente sowie Gemeinsamkeiten besinnt. Der Auftritt sollte nahelegen, dass der 24-Jährige alles „allein“ macht: Er spielte ein Motiv auf dem Piano ein, das dann per Loop – also in Dauerschleife – automatisch wiederholt wird. Dasselbe mit einem Drum-Computer. Dass dann auch andere, nicht eingespielte Instrumente zu hören sind, war etwas irritierend, ist aber eben nunmal so bei einer Show.

Der Song bedient sich also des Multitalents seines Performers, wechselt zwischen Gesang und Rap, wurde von Harris sehr leidenschaftlich und eindringlich vorgetragen – das hat ausgereicht, um ihn unter sechs Kandidaten nach vorne und alsbald nach Turin zu bringen. Dort allerdings wird ihm bereits jetzt ein Platz im hinteren Mittelfeld vorhergesagt. Dafür ist es zwar noch etwas zu früh, weil die Platzierung von vielerlei Rahmenbedingungen abhängt. Allzu viel sollte man aber wohl nicht erwarten.

Dabei hatte es so gut angefangen: Die ARD wollte die Entscheidung nun ihr Radio- und Fernsehpublikum treffen lassen. Guter Ansatz, immerhin ist es der Geschmack eines breiten Musikhörer-Publikums, der beim ESC-Finale entscheidend ist. Am Ende wurde dieser aber doch ignoriert: Die Band „Eskimo Callboy“ durfte nicht zum Vorentscheid, ihre Musik sei „nicht radiotauglich“ – sagt die ARD. Übersetzt: „Ihr gehört hier nicht hin“.

Gemäß einer Online-Petition sahen das 127.000 Menschen anders und forderten die Teilnahme der Metalcore-Band am Vorentscheid. Gebracht hat’s nix: Die ARD reagierte ungeschickt, hölzern, will darauf nicht angesprochen werden. Eine andere Musik als die selbst für „radiotauglich befundene“ ist unerwünscht; etwas Neues ausprobieren will man beim ESC nicht. Es soll gefällig geträllert werden, so hat es die erkorene „Zielgruppe“ nun gewählt. – Aber echte Auswahl gab’s ja auch nicht.

Freundliche Grüße, Ihr Mathias Schwappach