Kleine Kehrwoche

Ein junger Gegenentwurf

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Die "jungen Generation" protestiert fürs Klima: Die neue Vorsitzende der Grünen ist ein Gegenentwurf zum "Politiker der alten Schule" und trägt nun diese und weitere "junge" Themen direkt ins Parlament. © Pixabay

Gegen „Fridays for Future“ oder generell Proteste junger Menschen gibt es oft Kritik. Zwar ist das Engagement der „jungen Wilden“ definitiv zu begrüßen – jedoch ist der Einwand legitim, dass die Proteste eine Schmähung der Verdienste der älteren Generation beinhalten und eine jüngere Generation zuerst mal selbst politisch und inhaltlich etwas leisten sollte, bevor sie Erreichtes pauschal verdammt. – Eine erste Antwort darauf: Ricarda Lang.

Die frisch zur Bundesvorsitzenden der Grünen gewählte 28-Jährige erscheint wie die Reaktion auf die „Macht's doch besser“-Aufforderungen: Sie ist recht jung für ihr Amt, hat eine steile politische Karriere hingelegt – nur zehn Jahre vom Parteieintritt bis zum Vorsitz – und sie arbeitet aktiv auf Veränderung hin. Sie ist Feministin, sie setzt sich ein für soziale Sicherheit, Frauenpolitik und Vielfalt – sie ist die erste bekennend bisexuelle Frau im Bundestag. Anders gesagt: Sie verkörpert ganz neue Wege.

Derweil sich ihre Gegner im Netz im geistigen Tiefflug in Body-Shaming und ihren Mangel an Erfahrung flüchten, dürfte all dies eine Frau wie Ricarda Lang, bei der die „Body-Positivity“ Programm ist, eher kalt lassen. Wer seine Abneigung gegen Andersdenkende über Hasskommentare äußert, verdient ohnehin keine Aufmerksamkeit. Lang wird solche Verunglimpfung an sich abperlen lassen – und sich auf das Wesentliche konzentrieren.

Ihr Lebensmodell – Studium abgebrochen, Frau in Führungsposition, jung, bisexuell – darf auch als ein Gegenentwurf zum „Politiker der alten Schule“ und ebenso zum Stereotyp des „alten weißen Mannes“ gelesen werden. Deshalb ist es richtig, dass die Grünen mit ihr auf Veränderung setzen, jene selbst wagen, vorleben und in Angriff nehmen. Lang hat sich nicht durch’s System geschlängelt, sie ging steil an die Spitze. Sie steht für eine solide politische „Alternative“; sie bereitet das, was auf der Straße, etwa bei „Fridays for Future“, in jugendlichem Ungestüm gefordert wird, auf fürs Parlament.

Selbst wer nicht grün wählt, muss aushalten, dass Ricarda Lang als Vertreterin bisher nicht vertretener Gruppen eine Bereicherung für ein demokratisch gewähltes Parlament sowie ein in die Zukunft gerichtetes Regierungsbündnis ist. Wer all das verkennt und sie auf abwertende Kommentare über ihren Körper reduziert, hat sich sowieso für jeglichen Diskurs intellektuell disqualifiziert.

Freundliche Grüße, Ihr Mathias Schwappach