Kleine Kehrwoche

Einstige Punker geistig gereift

Brigitte Werner  - young-175504_1920
Der Punkt ist heute nicht mehr ganz so weit verbreitet wie einst. Und manch gealterter Punker kann darf seine Haltung von früher auch mal überdenken - oder gar korrigieren. © Brigitte Werner / Pixabay

Es ist ziemlich genau sieben Jahre her: Am 11. September 2015 machte ein damals bereits 22 Jahre altes Stück der Musikgruppe „Die Ärzte“ Schlagzeilen, weil es wieder auf Platz eins der deutschen Singlecharts landete: Etliche Radiosender spielten damals den Titel „Schrei nach Liebe“ hoch und runter, um ein Statement gegen rechte Gewalt zu setzen. Die Einnahmen aus dieser „Aktion Arschloch“ wurden an „Pro Asyl“ gespendet. Einem 34 Jahre alten Titel blüht aktuell das genaue Gegenteil.

Der Song „Elke“ war Teil des vierten Studioalbums der „Ärzte“, erschienen im Jahr 1988. Das Stück war eine genervte Reaktion auf zwei weibliche Fans, welche die Nummer zum Tonstudio der Ärzte herausgefunden hatten und ständig dort anriefen, was die Band sehr störte. Sänger Farin Urlaub „drohte“ Elke und Daniela, dass er beim nächsten Anruf ein Lied über sie schreiben werde – weshalb sie dann erst recht anriefen. Bereits per Fanpost eingesandte Bilder beider Frauen zeigten, dass sie übergewichtig waren. Dies wurde dann stark übertrieben verwertet – und bei den Fans ein riesiger Erfolg. Bis 2006 wurde der Song regelmäßig live gespielt.

Kürzlich hatte sich bei einem Konzert in Berlin ein Fan das Stück gewünscht, woraufhin Farin Urlaub erklärte, dass die Band diesen Song nicht mehr spiele, weil er „Fatshaming“ enthalte und „misogyn“, „frauenfeindlich“ und „gewichtskritisch“, sei. Ein Text-Auszug: „Ich schloss sie in die Arme, das heißt ich hab’s versucht. / Ich stürzte in ihr Fettgewebe wie in eine Schlucht“ Hätte es der Sänger nicht selbst erklärt, wäre die Absenz des Stückes wohl keinem aufgefallen. So aber ist eine Diskussion im Internet entbrannt. Der Vorwurf einiger Fans: Die einstigen Punkrocker und Rebellen seien wohl müde und würden heute lieber mit dem Strom schwimmen.

Die Kritik entspringt einer Einstellung, der man neuerdings öfter begegnet: Fans, die über Jahre eine Kapelle begleiten, wähnen sich in der Position, ein Mitspracherecht zu haben. Das ist ebenso unsinnig wie anmaßend. Wenn sich die Musiker von „Die Ärzte“ – Farin und Bela, heute an die 60 Jahre alt und geistig gereift – entscheiden, sich mit einem 34 Jahre alten, rotzfrechen Titel aus ihrer derbsten Punkrock-Zeit heute nicht mehr identifizieren zu wollen, zeigt das vor allem Rückgrat. Wer hier ein „cancel culture“ mutmaßt, hat vieles nicht verstanden – und offenbar „Probleme, die keinen interessieren“.

Freundliche Grüße, Ihr Mathias Schwappach