Kleine Kehrwoche

Lieber Fan anstatt Miesepeter

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Einfach mal wieder "Fan" sein! © Pixabay / Assy
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Aufgestaute Emotionen brechen sich Bahn in der Fußball-Euphorie - genau jetzt haben wir dazu die Chance! © Pixabay / Ganossi

Der Ball rollt wieder. Die erste Woche der Fußball-Europameisterschaft ist gespielt. Über das DFB-Auftaktspiel kann ich hier nichts sagen, weil das Wochenblatt gedruckt wird, während die elf Jungs noch kicken. Allerdings ist es für mein eigentliches Thema auch kaum von Belang: Mir geht es um Bundestrainer Joachim Löw, der nach 15 Jahren im Amt bald abtritt. Heldenhaft oder in Schimpf und Schande – das entscheidet sich jetzt.

Ich bin kein Fußball-Experte und kann das auch zugeben. Wenn ich mir im Fernsehen ein Spiel anschaue – nur mit deutscher Beteiligung –, tue ich das als Fan, nicht als Miesepeter. Ich fiebere mit, feuere an, lass' mich unterhalten. Dabei maße ich mir nicht an, Entscheidungen des Trainers lapidar wegzuwischen, verdamme nicht Strategien, die ich nicht kenne, und ich echauffiere mich nicht über „müdes Millionäre-murmeln“. Ich weiß, dass ich es nicht besser weiß. Hier bin ich Fan – das will ich sein!

Womöglich wird es Deutschland und vielen anderen Nationen, die an dem Turnier teilnehmen, ziemlich gut tun, sich endlich mal wieder über etwas anderes „aufregen“ zu dürfen, als über Corona-Themen. Wenn man all den aufgestauten Emotionen bei den Spielen – und geselligen Fußballabenden unter Freunden – freien Lauf lassen darf; wenn man nur reagieren und nicht „wissen“ muss; wenn mitfiebern, schreien und jubeln eine Befreien von allen negativen Energien bewirken – muss „nur noch“ geliefert werden. Einer ist somit der „Verlierer“.

Hierbei ist Joachim Löw wahrlich nicht zu beneiden. Es liegt in seiner Hand, ob aus „82 Millionen Virologen wider Willen“ nun wieder Fußball-Fans oder selbsterkorene Bundestrainer werden. Ich erinnere mich noch an den Start der Weltmeisterschaft 2014, als es vom DFB in der Vorrunde noch keine überragende Machtdemonstration gab. Es wurde geflucht und gezetert – bis das Team den Meistertitel holte. Anstelle von Jogi wäre ich da gegangen. Doch er blieb, wollte sein Team weiter aufbauen, unterschätzte aber Druck und Erwartungshaltung.

Wie oft hätte ich ihm seither gewünscht, dass er die Zeit zurückdrehen und doch noch würdevoll abtreten hätte können. Dies ist nun seine letzte Chance. Ich werde dabei sein, im Trikot von 2014, und drücke Jogi samt Team die Daumen; als Fan, nicht zynischer Pessimist, der uns allen ein kleines „Sommermärchen“ gönnen würde.

Freundliche Grüße, Ihr Mathias Schwappach