Kleine Kehrwoche

Mit der heutigen Farb-Palette

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Dies ist das Bild, das wir von "Adligen" des 19. Jahrhunderts haben. Shonda Rhimes zeichnet es in "Bridgerton" jedoch etwas anders. © Victoria Borodinova / Pixabay

Ein Bericht über die Netflix-Serie „Bridgerton“ beschäftigte sich kürzlich mit der Streitfrage um „farbenblindes Casting“. Gemeint ist, Rollen in Film und Theater, die gemäß einer historischen Authentizität mit hellhäutigen Darstellern besetzt werden müssten, stattdessen mit Schauspielern anderer Hautfarben zu besetzen. In der besagten Serie ist beispielsweise die Darstellerin der Königin Charlotte, Golda Rosheuvel, dunkelhäutig. Und anstatt den Londoner Adel rein „weiß“ darzustellen, wie er es damals mutmaßlich war, sind so auch viele weitere Adlige mit Darstellern anderer Hautfarben besetzt.

Wer den Stil von Serien-Macherin Shonda Rhimes – selbst Afro-Amerikanerin – von anderen Serien wie „Grey’s Anatomy“ her kennt, der weiß, dass sie gerne diverse Umfelder schafft. Darin sind Menschen aller Hautfarben und Ethnien vertreten, jeder sexuellen Gesinnung und Identität. Sie alle fügen sich ganz selbstverständlich in ein heterogenes Umfeld ein – und bestehen dort in Liebe und Karriere durch ihre Menschlichkeit und Talente.

Dasselbe macht nun auch „Bridgerton“ in einer etwas anderen Variante. Eine zweifelsohne alternative Realität – in London gab es um 1813 Sicherlich keine dunkelhäufigen Adligen – wird hier bewusst ignoriert. Die Präsenz der anderen Ethnien in diesen Kreisen wird auch nicht erklärt. Es wird schlichtweg als gegebene Selbstverständlichkeit so hingestellt; nicht wie die Geschichte war, sondern wie sie es hätte sein sollen. Der Fokus liegt dabei nicht auf den Darstellern, sondern auf den Figuren und ihrer Interaktion. Es geht um bildgewaltige Bälle, Romantik, Intrigen, Liebe und Sex, ein kleines bisschen „Shelock Holmes“ – kurz: um pure Unterhaltung.

Am Theater und in der Oper ist die Besetzung historischer Figuren mit Dunkelhäutigen längst üblich. Weshalb also schlägt das nun in einer Serie solche Wellen? – Die Kritik, dass damit ein heutiges Problem ignoriert werde – die Benachteiligung dunkelhäutiger Schauspielern bei Vergaben historischer Rollen – kann ich hier kaum nachvollziehen. Viel wichtiger ist doch, dass „Bridgerton“ eine Alternative aufzeigt: Die Macher malen ein fiktiv-historisches Bild mit der ganzen Farben-Palette unserer heutigen Welt. Sobald eine solche Besetzung – wie schon die farbige „Arielle“ – keine Debatten mehr auslöst, sondern als „normal“ akzeptiert wird, haben wir auch in unserer heutigen Zeit einen wichtigen Schritt geschafft.

Freundliche Grüße, Ihr Mathias Schwappach