Kleine Kehrwoche

Neue Form der Selbstliebe

Im mag diese „Trend-Artikel“ in den sozialen Netzwerken, weil ich dort immer wieder so viel Neues kennenlerne – was für die Autoren der jeweiligen Artikel aber offenbar selbstverständlich zum Alltag gehört. Da sitzt man dann ganz verdattert vorm Display und fragt sich: Sowas gibt’s also? Und es hat auch noch einen Namen?

Zum Beispiel habe ich jüngst etwas über das Dilemma der „Autosexuellen“ gelernt. Nein, das hat nichts mit Erregung durch Neuwagengeruch oder sowas zu tun. Es geht vielmehr um die Liebe zu sich selbst. Und auch das ist irreführend: Gemeint ist die Selbstliebe im Sinne von Selbstbewusstsein und für sich einzustehen, sondern die erotische Selbstliebe, welche mitunter auch in einer Heirat von sich selbst resultieren kann. In einem diesbezüglichen Artikel aufist die Rede von „der vollen Dröhnung Liebe: Schmetterlinge im Bauch, Herzklopfen, Nervosität. Alles nur, wenn man sich selbst im Spiegel betrachtet oder an sich denkt.“ – Klingt lustig, stelle ich mir aber durchaus auch anstrengend vor.

Der Artikel zitiert Dr. Heinz-Jürgen Voß, Professor für Sexualwissenschaft an der Hochschule Merseburg, der das Phänomens so außergewöhnlich gar nicht findet: Für ihn betrifft Autosexualität vor allem Selbstbefriedigung. Als praktisches Fallbeispiel wird die US-amerikanischen Autorin Ghia Vitale, die nach eigenen Angaben seit ihrem 13. Lebensjahr in sich selbst verliebt ist, vorgestellt: „Ich lade mich selbst auf einen Kaffee ein, gehe mit mir spazieren, ziehe für mich selbst Dessous an und kuschel mit mir“, heißt es auf ihrem Twitter-Account. Andere Beziehungen habe sie zwar gehabt, spüre aber die „Schmetterlinge im Bauch“ nur beim Gedanke an sich selbst. Seit 2017 ist sie mit sich selbst verlobt. Das brasilianische Topmodel Adriana Lima ging noch weiter: Sie hat sich 2017 selbst geheiratet. Wenigstens symbolisch – rechtlich klappt das weltweit nirgendwo.

Das Ganze ist übrigens nicht zu verwechseln mit Narzissmus, weil sich Autosexuelle nicht elitär über andere stellen oder abgrenzen, sondern weiterhin am Alltag teilnehmen – fast wie ein Pärchen, nur aber eben mit sich selbst. Voß bringt es so auf den Punkt: Letztlich gehe es um eine Art der Emanzipation: die sexuelle und gesellschaftliche Absage an eine Abhängigkeit von anderen. Und immerhin dies – der Befreiungsschlag gegen äußere Erwartungshaltungen – hat doch etwas Inspirierendes.

Freundliche Grüße, Ihr Mathias Schwappach