Kleine Kehrwoche

RTL will seriöser werden

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Streaming-Dienste verdrängen das reguläre TV mehr und mehr vom Bildschirm. © Mohamed Hassan / Pixabay
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RTL will künftig verstärkt als seriöser Nachrichten-Sender wahrgenommen werden.

Man stelle sich mal vor, Mallorca-Sänger Mickie Krause möchte gerne ab sofort Chansons singen; Ex-Fußball-Nationalspieler Philipp Lahm wechselt in den Box-Ring; oder Markus Söder möchte gerne zu den Grünen wechseln. Alle drei Beispiele haben eines gemeinsam: Es wird ziemlich schwer, dieses dem Zielpublikum glaubhaft und seriös zu vermitteln. Und schon sind wir beim Thema.

In den letzten Jahren war RTL immer darin besonders verlässlich, jedes noch so niedrige Niveau erneut zu unterbieten. Das führte zu Sternstunden des Privatfernsehens wie „Murmel Mania“, „Hund vs. Katze“, „Temptation Island“ und vieles mehr – wobei man jeweils kopfschüttelnd zurückblieb und nicht umhinkam zu fragen: Was zum Geier stimmt mit euch nicht? Noch schlimmer war es bei RTL2. Einziger Lichtblick der Senderfamilie war und ist VOX, wo man es geschafft hat, mit guten Ideen den Infotainment-Bereich solide zu besetzen.

Und jetzt schickt RTL sich an, insgesamt seriöser zu werden: Einerseits werden mit Jan Hofer und Pinar Atalay prominente Nachrichten-Gesichter der öffentlich-rechtlichen Welt gesichert, gleichzeitig RTL-Urgesteine wie Dieter Bohlen und Daniel Hartwich „entsorgt“; andererseits möchte man dann aber schon an Formaten wie „Bauer sucht Frau“ oder „Deutschland sucht den Superstar“ festhalten. Ist das schlau oder ist es vielmehr der Angst vor dem „Loslassen“ geschuldet? Möchte sich der Sender ernsthaft ein seriöseres Image zulegen, müssen auch solche Bastionen fallen – und Neuen Platz machen.

Die Frischzellen-Kur verpasst sich das Unternehmen freilich nicht wegen einer höheren Erkenntnis, sondern weil man „billig, lustig, trashig“ bei TikTok, YouTube und Co inzwischen viel besser kann, als es der Sender jemals vermöchte. Die Ausweichschiene Proleten-Podcast wird schon bald von „Bild-TV“bedient. Bleibt also nur noch die Flucht in die Seriosität, auch wenn’s schwerfällt.

Die Botschaft hör’ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube. Die selbst gestellte Aufgabe ist gewaltig und erfordert viel Mumm, um sich radikal zu erneuern. Hochwertige (!), selbst produzierte Inhalte, solide recherchierte Nachrichten- und Infotainmentformate, so könnte den Wandel gelingen. Dies darf aber nicht nur halbherzig geschehen. Und ob ein Bohlen-Bause-Barth-RTL-Publikum die Erneuerung ebenso will oder schafft, bleibt ungewiss.

Lieber weiter Zeitung lesen! Ihr Mathias Schwappach