Kleine Kehrwoche

„So ist das Original?“

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Der harte Rapper aus dem Ghetto wird "erwachsen": Wie ernst meint es Sido mit seiner Läuterung - und wieviel davon ist nur PR fürs neue Album? © staufentv / Pixabay

Es scheint die Zeit der Läuterungen zu sein. Regelmäßige Leser mögen sich erinnern: Vor einigen Wochen sprach ich hier eine „Dokumentation“ über Bushido auf RTL an, worin der Rapper seine Geschichte neu erzählen will. Inwiefern gleich das dem, was jetzt auch Sido versucht?

Im Jahr 2004 erschien das erste Album des Rappers Sido. Sein Künstlername stand ursprünglich für „Scheiße in dein Ohr“, später für „super-intelligentes Drogenopfer“. Die Platte „Maske“ – eine Anspielung auf die silberne Totenkopf-Maske, mit der er anfangs auftrat – erschien beim 2001 gegründeten Independent-Label für Hip-Hop, Aggro Berlin, wo einst auch die Bushido mitmischte.

Während der zuletzt Genannte jedoch später eher durch zwielichtige Verstrickungen von sich reden machte, versuchte sich Paul „Sido“ Würdig nach dem Ende von „Aggro Berlin“ an einigen gefälligen Projekten; wohl, um einen neuen Weg zu finden. Er gab ein Unplugged-Konzert mit prominenter Unterstützung für MTV; er kooperierte mit Künstlern wie Peter Maffay, Mark Forster und Andreas Bourani. Jüngste Veröffentlichungen stehen zudem zunehmend für die Besinnung auf sich selbst: „Ich ohne Maske“ oder jetzt „Paul“. Aber ist das echt?

Fakt ist, dass viele seiner Zitate in verschiedenen Medien gleich sind, was nahelegt, dass sie kaum spontan, vielmehr PR-geschliffen entstanden sind. Teil der Story ist, dass er sich nach einem Besuch seiner Kinder (!) und auf Bitte seiner Ex-Frau (!) wie auch seines Freundes Kool Savas (!) in eine stationäre, psychiatrische Behandlung begeben habe, ohne die er – so sagt er selbst – „nicht überlebt“ hätte. Sätze wie „Ich brach in Tränen aus.“ oder „Die beste Kunst entsteht aus Schmerz.“ prägen sich ein.

Andererseits kann man jedoch argumentieren, dass seine Ehrlichkeit auf „Paul“ – wo er mit dem eigens etablierten Rapper-Image bricht – und der Offenheit bei der PR-Tour eine reale innere Wandlung nach außen trägt – wie das Künstler über Kunst eben tun. Zugleich benennt er Missstände der Branche, die sonst allzu gerne totgeschwiegen werden. Solche Selbstreflexion – zu öffentlich gemachten Fehlern und den Momenten des Scheiterns auch öffentlich zu stehen – ist glaubhafter, als etwa eine „Ich bin nur Opfer“-Inszenierung auf RTL. Ob „Paul“ den „Sido“ hinter sich lässt, wird sich noch zeigen müssen; oder Sido steht künftig für: „So ist das Original!“

Freundliche Grüße, Ihr Mathias Schwappach