Kleine Kehrwoche

Teen-Ikonen jetzt erwachsen

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Band-Fans
Idole der Kindheit © Adobe Stock AHMAD FAIZAL YAHYA
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Portrait Mathias Schwappch fuer Kehrwoche. © Ralph Steinemann Pressefoto

Kennen Sie den„Throwback Thursday“? In englischsprachigen Ländern wird damit so eine Art Donnerstags-Nostalgie bezeichnet. An einem Donnerstag („Thursday“) erinnert man sich an eine Begebenheit aus der Vergangenheit, wird „zurückgeworfen“ („Throwback“) dorthin. Wie praktisch, dass die „Kehrwoche“ donnerstags erscheint. Denn mein heutiges Thema passt da wunderbar.

Erinnern Sie sich noch an die vier Jungs, die 2005 ganz plötztlich mit ihrem Hit „Durch den Monsun“ in aller Munde sowie über mehr als ein Jahr hinweg fast jede Woche auf dem Cover der Jugendzeitschrift „Bravo“ zu finden waren? Die Gruppe „Tokio Hotel“ war ein echtes Phänomen, poppig-eingängiger Emo-Rock statt tanzender Bühnen-Schönlinge. die vier Jungs wurden gleichermaßen verehrt wie auch gehasst. 2006 wurde Lead-Sänger Bill Kaulitz sogar in der ProSieben-Sendung „Die 100 nervigsten Deutschen“ auf Platz 1 gewählt.

Wie auch immer man zu der Musik der Gruppe steht, der Erfolg gibt ihnen doch ein Stück weit recht. Bis heute wurden fünf Studioalben veröffentlicht, gerade jüngst im September ein neuer Plattenvertrag mit Sony Music und Epic Records unterzeichnet. Im Rahmen dessen kam es auch zu der Veröffentlichung, die meinen heutigen „Throwback Thursday“ bestimmt: Eine neue Aufnahme, eine neue Version des ersten riesigen Erfolgs der Band, und zwar von „Durch den Monsun“. Ich habe reingehört.

Die neue Interpretation des Stückes zeigt deutlich, in welchem Genre sich die Band heute bewegt: Sie kommt als loungiger Synthie-Pop daher und hat kaum mehr etwas mit jener „Sturm und Drang“-Version der vier 16-jährigen Burschen zu tun. Der Song ist ebenso wie die Musiker „erwachsen“ geworden, ist im 2020 angekommen. Hier brüllt nicht mehr ein Teenager seinen Weltschmerz hinaus; über moderatem Beat wird indes unaufgeregt über eine Lebenssituation sinniert. Ein Beat, der sich wie eine Reise anfühle, so hat es die Band selbst genannt.

Ich war nie Fan der „Tokio-Hoteliers“, Synthie-Pop ist auch nicht so meins. Mit jenem überarbeiteten „Monsun“ kann ich sie aber erstmals als Musiker anerkennen – nicht nur als Testimonials einer Teenager-Marke. Dieses Stück weist als Meilenstein aus, wo das Quartett heute, 15 Jahren später, steht: An der Schwelle zu den nächsten 15; nicht mehr als Teen-Ikonen, sondern als Musiker.

Freundliche Grüße, Ihr Mathias Schwappach

Mail an: kolumne@zvw.de