Kleine Kehrwoche

Unüberlegtes Vorpreschen

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"Gut gemeint" ist nicht genug: Eine hingeschluderte Fragestellung sorgt in Stuttgart für Unmug. © Jasmin Sessler / Pixabay

Auf den ersten Blick ist „tolerant“ ein binärer Begriff. Man kann Toleranz nicht skalieren von „keine“ über „wenig“ bis „viel“; entweder man steht einer Sache tolerant gegenüber, akzeptiert also deren Existenz und damit verbundene Einflüsse, oder eben nicht. Gerne wird in diesem Kontext auch die Formulierung genutzt: „Ich bin tolerant, aber“ – was unter den genannten Voraussetzungen folgerichtig bedeutet: Man ist nicht tolerant.

Eine Formulierung in der jüngsten Stuttgarter Bürgerumfrage lässt in diesem Kontext aufhorchen: „Übertreiben es in Stuttgart Ihrer Meinung nach viele mit ihrer Toleranz gegenüber lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen, transgender, intersexuellen und queeren Menschen?“ – Noch irritierender als die Frage selbst ist allerdings die Tatsache, dass sich im Grunde nur einer wirklich daran störte, nämlich ein SPD-Stadtrat, und im daher städtischen Verwaltungsausschuss nachfragte.

Zur Antwort bekam er von Grünen-Fraktionschef Andreas Winter, es habe da einen Fehler gegeben. Im Artikel der Stuttgarter Nachrichten steht überdies, er gebe „die Urheberschaft“ der Frage zu. „Die Fragestellung war gut gemeint, aber handwerklich schlecht gemacht“, sagte Winter und gab zu: „Jetzt sieht es halt saublöd aus.“

Tatsächlich habe man sich an die LGBTQ-Community gerichtet, um zu erfragen, ob sich queere Bürger in Stuttgart wohlfühlten, ob es genug Anlaufstellen gebe. Nach einem Einspruch der Statistiker, dass die Frage an alle Menschen gerichtet sein müsse, wurde sie umformuliert. Wie allerdings – ausgehend von der Intention – dann ein derart suggestiver Schwachsinn herauskommen konnte, der mit einer impliziten Feststellung vor allem den erzkonservativen Geistern den Bauch pinselt, diese Antwort bleiben die Meldung zur Sache bislang schuldig.

Immerhin soll es eine Mitteilung der Grünen-Fraktion im Stadtrat geben, um diesen Fauxpas klarzustellen. Ein Vorwurf, die Grünen wollten die LGBTQ-Community bewusst schädigen, wäre realitätsfern. Wohl aber waren sie schludrig und empathielos. Das steht einer Partei, die einen Anlauf aufs Kanzleramt nimmt, nicht gut zu Gesicht. Was unüberlegtes, ungeprüftes Vorpreschen auslösen kann, das zeigte ebenso die „Alles dichtmachen“-Aktion: Man steht plötzlich in einer Ecke, wovon man sich bei genauerer Betrachtung lieber ferngehalten hätte.

Freundliche Grüße, Ihr Mathias Schwappach