Kleine Kehrwoche

Verändern statt nur gendern

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Ein exklusives Chor-Angebot an Mädchen anstatt nur "die dürfen halt auch mitmachen" - so geht Gleichberechtigung. © dangkhoa1848 / Pixabay

Das Gendern ist in aller Munde und Schriften. Zurecht, meinen viele, weil man Sprache reformieren solle, um ein Umdenken zu erreichen. Mumpitz, meinen andere, zumal die Sprachdiskussion von echten Problemen der Gleichberechtigung ablenke: Was nutzt es der Mutter von drei Kindern, die sich auf gegenderte Stellenanzeigen bewirbt, wenn sie den Job wegen ihrer Mutterschaft nicht bekommt? – Es geht um Chancengleichheit, die geht so:

Vor einige Zeit erzählte ich hier vom Fall einer Mutter, die ihre Tochter solle im nur von Jungen besetzten Staats- und Domchor Berlinunterbringen wollte. Sie forderte für das Kind dieselbe hochwertige Ausbildung, wie sie die Jungen erhielten. Der Chorleiter konterte: Das Mädchen erreiche nicht das vorausgesetzte Niveau, ihre Stimme füge sich nicht ins Klangbild eines Knabenchors ein.

In der Folgefrage, ob nun ein „Knabenchor“ ein überholtes Modell weiblicher Benachteiligung sei, oder vielmehr Kulturgut und Tradition christlicher Sakralmusik, wurde weiterhin hitzig diskutiert. Am Ende entschied dann das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg: Das Mädchen muss nicht in diesen Chor aufgenommen werden, sofern es anderswo die Möglichkeit gibt, sich in gleichwertiger Form musikalisch ausbilden zu lassen.

Wie so etwas ohne verbohrte Standpunkte ablaufen kann, das zeigen nun die Regensburger Domspatzen: Der berühmte 1050 Jahre alte katholische Knabenchor erweitert sein Portfolio, schafft Gleichberechtigung – ohne die Tradition zu brüskieren. Das mag mit daran liegen, dass das Gymnasium, wo die Knaben zu Chorsängern erster Güte ausgebildet werden, seit 2019 von Christine Lohse, der ersten Frau auf diesem Posten, geleitet wird. Und auch daran, dass Domkapellmeister Christian Heiß, auch seit 2019 im Amt, am Klangbild des Knabenchors zwar nicht rüttelt, aber ab dem Schuljahr 2022 / 23 einen Mädchen-Chor derselben hohen Qualität etablieren will.

So geht Verändern anstatt nur zu „gendern“: Es geht nicht um’s Mädchen im Knabenchor. Die Chancengleichheit entsteht hier durch eine auf exakt auf Mädchen-Stimmen ausgelegte, hochwertige Ausbildung mit all der Expertise, Förderung und dem Renommee, wovon auch die Knaben profitieren. Zugleich bleibt Fans der Knabenchöre deren Klang erhalten – und der musikalischen Leitung tun sich ganz neue Klangsphären auf. Alle werden gehört!

Freundliche Grüße, Ihr Mathias Schwappach