Kleine Kehrwoche

Volle Fahrt für die Shantys

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Ozean, Seefahrer-Romantik, Zuversicht in stürmischer See und trotz harter Bedingungen - all das behandeln die Shantys, die derzeit bei Tiktok, Youtube und Co. im Trend liegen. Dass sich davon gerade jetzt so viele Menschen angesprochen fühlen, kommt nicht von ungefähr. © Comfreak / Pixabay

Die Musikplattform „Tiktok“ ist seit Jahres-Beginn 2021 im „Shanty“-Fieber; und YouTube hat sich ebenfalls angesteckt: Man feiert die alten Seemannslieder, die oft vom früheren zermürbend-gefährlichen Leben auf Segelschiffen erzählen, von harten Umweltbedingungen und Einsamkeit. Der Gesang diente dazu, einen gemeinsamen Rhythmus für die harte Arbeit finden. – Und heute?

Als ich erstmals ein großes Festival im Norden besuchte, war ich eingestellt auf vier Tage Rock und Heavy Metal. Nicht aber auf Zeltnachbarn, die eine ganz anders klingende Lieblingsband hatten: „Segel hoch, volle Fahrt Santiano!“, gröhlten die Jungs gefühlt minütlich, aus voller Kehle, kaum einen Ton treffend. Ich hatte von der Band bislang nur den Namen gehört, wurde aber neugierig, jenen Song auch mal „in richtig“ zu hören.

Heute weiß ich: Die Gruppe „Santiano“ zählt zum Inventar beim „Wacken Open Air“. Gäste aller Altersstufen versammeln sich zu den Konzerten der Shanty-Rocker vor der Bühne. Man singt Texte und Melodien, die gerade in Norddeutschland oft schon in Kindertagen erlernt wurden. Dieses Miteinander, gemeinsames Schunkeln und Schwelgen, wirkte ansteckend. Und wer es erlebte, kann den jetzigen Trend bei Titok und YouTube verstehen.

Nun wäre es falsch zu behaupten, dass Shanty jemals verschwunden war. Der Ursprung des aktuellen Trends ist jedoch der schottische Postbote Nathan Evans, der im Dezember 2020 seine Version des Stückes „Soon may the Wellerman come“ auf Tiktok (Ohrwurm-Warnung!) teilte, die millionenfach gehört, geteilt und geliked wurde. Zahlreiche User stimmten sogar digital mit ein. Inzwischen hat der 26-Jährige so sogar einen Plattenvertrag bekommen. – Doch woher rührt diese Begeisterung?

Vermutlich ist der Trend der Situation geschuldet. Im aktuellen Lockdown kann so mancher die in Shantys besungene Isolation, die Einsamkeit, die Absenz von geliebten Menschen nachvollziehen. Hinzu kommt die Vision von Schiffen, offener See, „unendlichen Weiten“, Freiheit und Abenteuer. Zählt man dann noch die Geselligkeit dazu, die durch das miteinander schwelgen und musizieren entsteht, oder die Erinnerung an Lieder, die man in Kindertagen noch vom Blatt gemeinsam sang – dann bekommt man schon Lust, auch selbst mal reinzuklicken und mitzugröhlen: „Segel hoch, volle Fahrt Santiano!“

Freundliche Grüße, Ihr Mathias Schwappach