Kleine Kehrwoche

Vom weinenden Haifisch

Rammstein 3
Imposante Bühnenshows, gefeiert vom Publikum: Rammstein ist ein Gesamtkunstwerk, das den Weltschmerz aufnimmt, verarbeitet und dann wieder in die Welt hinausbrüllt.

Es gibt kaum Gruppen, die so tiefgründig, gleichzeitig brachial und dabei so verkannt sind, wie Rammstein. Zwar kann man sich die Musik einfach mittels harter Bässe und schlagkräftiger Percussions ins Hirn „rammen“ lassen. Wer das bevorzugt oder gar abschaltet, dem entgeht allerdings der maßgebliche Wert des Schaffens.

Vergangene Woche erschien das achte Studioalbum der Gruppe: „Zeit“. Schon vorher hat die Band mit der gleichnamigen Single-Auskopplung samt Video, danach mit „Zick Zack“ von sich Reden gemacht. Zeitgleich zum Album erschien das Video zu „Angst“. Samira Straub von SWR2 schrieb dazu: „Um Rammstein zu verstehen, muss man das Gesmatwerk betrachten: Der Industrial-Sound, die drastischen Texte voller doppelter Böden, die Optik, die explosiven Bühnenshows – all das funktioniert nur in der Summe.“Ich möchte hinzufügen: „Und es ergibt viel mehr als die Summe seiner Teile.“

In einer Diskussion über Band und Album habe ich am Wochenende die These aufgestellt: „Rammstein und insbesondere deren Sänger Till Lindemann repräsentieren den Sturm und Drang unserer Zeit.“ Freilich kam der Einwand, dass der Sturm und Drang des 18. Jahrhunderts vor allem jugendlichem Ungestüm entsprang. Ich würde das aber weiter fassen: Die Strömung spiegelt eine künstlerische Verarbeitung der Eindrücke einer Welt wider, in die sich der Künstler nicht einfügen möchte. Damals war’s ein Aufbegehren gegen die Aufklärung; nun ist es ein Weltschmerz, der auf einen sensiblen Künstler einprasselt und von jenem wieder herausgebrüllt wird.

Till Lindemann ist Poet seit frühester Kindheit. Schon im Buch seines Vaters sind lyrische Fragmente des damals Neunjährigen zitiert. Wer heute sucht, findet zwei Gedichtbände von ihm selbst. Wer Rammstein so anhört, erkennt die Dichte und die Kraft der Sprache. Gepaart mit martialischer Musik und feurigen Bühnenshows werden Bilder erzeugt, die wir sehen, hören, die sich einbrennen in den Geist und dort nachwirken. So vermitteln sie einen Eindruck dessen, was der Dichter empfand. Mitunter verstörend; auch das ist Aufgabe von Kunst.

Überwindung der Vernunftsherrschaft, Entfesslung des Gefühlsüberschwangs, der Fantasie, der Gemütskräfte – das ist ein Auszug aus einer Definition des „Sturm und Drang“. Und zugleich voll zutreffend auf Rammstein.

Der Haifisch, der hat Tränen! Ihr Mathias Schwappach