Kleine Kehrwoche

Wenn der Eisberg untergeht

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Das goldene Stimmchen am goldenen Mikrofon - und auch hinsichtlich Schallplatten hängt bei Dieter Bohlen so einiges an "Edelmetall" an der Wand. © Sven Mandel / All Creative Commons

Der „böse Bulle“ der deutschen Casting-Formate nimmt seinen Hut. Vergangene Woche ging’s durch alle Medien: Dieter Bohlen, der – nach den höher oktavierten Parts bei „Modern Talking“ – bei seinen Einsätzen als Gesangs-Juror bisweilen recht raue Töne anschlug, gibt beide Posten als Chef-Juror – bei „Deutschland sucht den Superstar“ (DSDS) und bei „Das Supertalent“ – auf.

Mit dem Weggang des gelobten „Pop-Titan“ endet eine Ära. Unbestreitbar hat Bohlen sowohl die beiden Formate als auch die Figur des „gestrengen Herrn Jurors“ in Deutschland geprägt. Um echtes Talent ging es eigentlich nie, sondern eher um Unterhaltungswert – was auch bei der aktuellen Staffel der Casting-Show DSDS klar erkennbar ist. Wann immer ein Kandidat Potenzial zeigte, ein RTL-Publikum zu unterhalten, hatte er einen Platz in dem Format. Nicht zwingend als Sänger, mitunter auch nur als angeblicher „Dauerkandidat“ oder als Cameo.

Dass bei DSDS längst nicht alles „echt“ ist – geschenkt. Wer ernsthaft glaubte, ein Menderes Bagci habe sich da zigmal auf skurrilste Weise „beworben“ und sei nicht etwa engagiert worden, glaubt auch ans fliegende Spaghetti-Monster. Bagci und viele andere, sogar vereinzelte Juroren, hatten ihre Auftritte nie wegen Talent, sondern stets aufgrund von (unfreiwilligem) Unterhaltungswert. Beim „Supertalent“ gibt man das wenigstens zu.

Wie die Sonnenbrille zum Pop-Titan, so gehörten markige Sprüche zur Parade-Rolle des Masterminds von „Modern Talking“: „Ausstrahlung hast Du wie ’ne elektrische Gummiwurst.“ – „Da würde ich lieber einen Pudding an die Wand nageln, als mit dir was aufzunehmen.“– „Wo hört der Gesang auf und wo fängt die Straftat an?“ – „Ja, dein Talent hat geglänzt. Leider durch Abwesenheit.“ – So garstig er oft auch war: Bei Bohlen durften sogar völlig talentfreie Hohlbrote auf 15 Minuten Ruhm hoffen.

Nun geht er also, der „Grandsegnieur“ des deutschen TV-Casting-Trash, mit 67 Jahren in den Ruhestand – und er hinterlässt einen schwer zu füllenden Sitzabdruck auf dem Jury-Stuhl. Ob die Gesangs-Messlatte fürs Weiterkommen künftig dann höher liegt? – Seien wir realistisch, es ist immernoch RTL. Also werden wohl auch Bohlens Nachfolger weiterhin so prächtige Bonmots in den Mund gelegt wie: „Wenn du früher auf der Titanic gesungen hättest, wäre selbst der Eisberg untergegangen.”

Freundliche Grüße, Ihr Mathias Schwappach