Kleine Kehrwoche

Wo die „Entfaltung“ endet

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Verbotsschild gegen "Manspreading" in Madrid.
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Der Mann in der blauen Jacke liegt beim "Spreading" klar vorne - sehr zum Leidwesen der Dame rechts im Bild.

Kennen Sie „Manspreading“?– Das damit beschriebene und zugleich kritisierte Phänomen kennt jeder; das Wort dafür nicht unbedingt. Es gab mal eine Zeit, da bin ich noch täglich mit der Bahn gefahren. Und gerade dort konnte so ein „ausgebreiteter Mann“ schon ziemlich nervig sein. Oder anders gesagt: einfach rücksichtslos.

Gemeint ist damit, dass sich jener Herr der Schöpfung auf den Sitz fläzt und seine Beine dermaßen auseinanderspreizt, dass dies schon fast als artistische Performance durchgehen könnte. Dadurch reißen nicht nur beinahe die Bänder, sondern auch die Geduldsfäden derer, die sich durch derart raumfordernde Gebärden kleinmachen müssen. Obgleich die Kritikerinnen, welche „Beine zusammen“ fordern, eher der feministischen Bewegung zugerechnet werden, so ist doch dieses Problem eher eines, das jeden betrifft, der dadurch unnötig eingeengt wird.

Ich erinnere an eine Bahnfahrt vor vielen Jahren. Ich saß auf meinem Sitz am Fenster. Dann stiegen zwei Leute zu, ein junger Mann und eine junge Frau, die sich mit in meine Vierer-Sitzgruppe setzten, die Frau neben mir. Und beide, der Mann und auch die Frau, spreizten die Beine in einem Maße aus, das mich nur noch zusammengefaltet in der Ecke kauern ließ. Warum ich nichts sagte? – Keine Ahnung. Jedenfalls fühlte es sich insgesamt unbequem und unbehaglich an. Ich verstehe also die Kritik.

Zwei Studentinnen aus Berlin machen in diesem Kontext gerade von sich Reden. Unter dem Titel „Riot Pant Project“ haben Elena Buscanio und Mina Bonakdar Hosen entworfen, die bei provokant gespreizten Beinen ihre im Schrittbereich gedruckten Slogans sichtbar machen. Da steht dann: „Hör’ auf mit dem Ausbreiten!“, „Toxische Männlichkeit“ oder „Gib’ uns Raum!“ Wer sich in einer Bahn oder sonstwo mit jenem Verhalten konfrontiert sieht, äfft es nach und gibt so dem Frust-Verursacher den Blick frei auf den Spruch. Manchen fällt bei dieser Mahnung überhaupt erst auf, wie sie sich verhalten.

Manche Männer reagieren zwar beleidigt: Was man ihnen noch alles verbieten wolle? – Unnötig, denn meine Story zeigt, die Kritik richtet sich ganz generell gegen Rücksichtslose (m/w/d). Bildlich gesprochen: Des Einzelnen „Entfaltung“ und Bequemlichkeit endet dort, wo andere – auf Sitzen und überall – eingeengt werden. Jenes Prinzip wird derzeit leider generell und viel zu oft ignoriert.

Freundliche Grüße, Ihr Mathias Schwappach