Meinung

Ballweg in Haft, Querdenker solidarisieren sich: Dahinter steckt auch Kalkül

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Michael Ballweg (Querdenken 711)  bei einer Demo auf dem Schorndorf Marktplatz. © Gaby Schneider

Michael Ballweg ist in der Querdenker-Szene mittlerweile eine umstrittene Figur. Zwei Punkte werden besonders kontrovers diskutiert: Da sind zum einen die Verbindungen des „Querdenken 711“-Gründers in die Reichsbürgerszene, und zum anderen die Kritik an seinem intransparenten Umgang mit Finanzen. In den letzten Monaten hatte Ballweg sich weitestgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Auf Telegram wurde er immer wieder harsch kritisiert, teilweise auch beleidigt.

Attila Hildmann: Plötzlich wieder Ballweg-Freund?

Und plötzlich ist alles anders. Jetzt, da Ballweg wegen des Verdachts auf Betrug und Geldwäsche in Stuttgart in Untersuchungshaft sitzt, solidarisieren sich auffällig viele Köpfe der Querdenker-Szene öffentlich mit ihm. Darunter sind auch Szenegrößen, die schon lange mit Ballweg gebrochen hatten – darunter auch der rechtsextreme Kochbuchautor Attila Hildmann.

Woher der plötzliche Sinneswandel?

Betrug und Geldwäsche: Durchsuchung, Festnahme, Verhaftung

Gehen wir einen Schritt zurück, zu dem, was am Mittwoch (29.06.) in Stuttgart passiert ist.

Polizeikräfte haben bei Michael Ballweg durchsucht und den 47-Jährigen anschließend vorläufig festgenommen. Ihm werden Geldwäsche und Betrug vorgeworfen. Die Menschen, die ihm Geld anvertraut hatten, habe er laut Polizei und Staatsanwaltschaft über den Verwendungszweck getäuscht und einen „höheren sechsstelligen Betrag“ für sich selbst verwendet haben.

In den bisherigen öffentlichen Äußerungen von Polizei und Staatsanwaltschaft fällt der Name Ballweg nicht, Journalisten haben die Identität des Beschuldigten aber mehrfach aus Ermittlerkreisen bestätigt bekommen. Weil sich Hinweise ergeben hätten, dass er mit dem Geld ins Ausland fliehen wollte, sitzt Ballweg mittlerweile in Untersuchungshaft.

Soli-Schlager und Demo-Aufrufe: Reines Kalkül?

Nun quillt Telegram über von Demo-Aufrufen, (schon aus musikalischer Sicht ungenießbaren) Schlager-Soli-Songs, Gebeten, Meditationen, oder Merchandising-Designentwürfen rund um die Ballweg-Verhaftung. In Livestream-Diskussionen und ellenlangen „Statements“ versichert man dem „Querdenken 711“-Urvater Beistand.

Vieles spricht dafür, dass dahinter in einigen Fällen reines Kalkül steckt.

Die Querdenker-Szene hat mittlerweile gemerkt, dass bei sommerlichen Temperaturen und gelockerten Corona-Maßnahmen kaum Menschen auf die Straße zu kriegen sind. Sprich: Die Demos schrumpfen, auch bei uns im Rems-Murr-Kreis. Deshalb mobilisiert man länderübergreifend seit einiger Zeit für den Herbst. Dann wird wieder eine Verschärfung der Maßnahmen erwartet.

Compact: "Das Regime jagt Querdenker"

Michael Ballwegs Verhaftung spielt diesen Mobilisierungsversuchen nun in die Karten. Denn die Szene lebt von ihrer Inszenierung als Widerstand gegen angebliches Unrecht. „Politisch motiviert“, seien die Vorwürfe gegen Ballweg, sagt „Querdenken 711“-Aktivist und Anwalt Ralf Ludwig. Das rechtsextreme Compact-Magazin titelt: „Schock: Ballweg verhaftet! Das Regime jagt Querdenker“.

Damit ist der Ton der bisherigen Solidaritätsbekundungen gut zusammengefasst. Von Deutschland nach Österreich über die Schweiz in alle die Exil-Länder, in die sich angeblich politisch verfolgte Querdenker bereits abgesetzt haben, verbreitet sich diese Erzählung rasend. Der „Unrechtsstaat“ wolle die „Kritiker“ mundtot machen. „Staatsterror“.

Geschäftsmodell in Gefahr: Wer ist der Nächste?

Die Ballweg-Verhaftung könnte der Funke sein, der den viel propagierten Widerstandsgeist wieder entflammen lässt. Soweit die Hoffnung. Deshalb springen nun Leute auf die Solidaritätswelle auf, die lange Zeit nichts (mehr) für Ballweg übrighatten. Die Gewalt, die aus dem Verschwörungsgeraune von der „Corona-Diktatur“ resultieren könnte, wird wie immer mindestens billigend in Kauf genommen.

Man darf außerdem nicht vergessen: Die Leute, die jetzt mobilisieren, sich solidarisieren und als angebliche Widerstandskämpfer in Szene setzen, schützen damit auch das eigene Geschäftsmodell. Auch sie rufen regelmäßig zu „finanzieller Unterstützung“ auf oder lassen sich von Demonstrierenden für ihre vermeintliche journalistische Arbeit Geld in die Hand drücken. Viele von ihnen gehen mit den Einnahmen dann ähnlich transparent um, wie Michael Ballweg es tat.

Vielleicht fragt sich auch deshalb gerade halb Telegram: Wer ist der Nächste?

Michael Ballweg ist in der Querdenker-Szene mittlerweile eine umstrittene Figur. Zwei Punkte werden besonders kontrovers diskutiert: Da sind zum einen die Verbindungen des „Querdenken 711“-Gründers in die Reichsbürgerszene, und zum anderen die Kritik an seinem intransparenten Umgang mit Finanzen. In den letzten Monaten hatte Ballweg sich weitestgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Auf Telegram wurde er immer wieder harsch kritisiert, teilweise auch beleidigt.

Attila Hildmann:

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