Meinung

Corona-Protest mit Mordfantasien: Die enthemmte Telegram-Gruppe des Landtagsabgeordneten Heinrich Fiechtner

Landtag Baden-Württemberg
Der Landtagsabgeordnete Heinrich Fiechtner – im Juni 2020 wurde er aus dem Parlament getragen, nachdem er Landtagspräsidentin Muhterem Aras mit Joseph Goebbels verglichen hatte. © Marijan Murat

Beschimpft werden? Gehört zum journalistischen Berufsalltag, wir halten einiges aus; wie auch Politiker. Im Folgenden aber geht es um mehr als um Beleidigungen. Zu berichten ist von Querdenkern, vom Landtagsabgeordneten Heinrich Fiechtner, von den Hetztiraden in seiner Telegram-Gruppe – und von einem Satz, der dort fiel: „Ohne Kugeln in den Kopf wird nix passieren.“ Ein Lehrstück über Radikalisierung, Enthemmung und Mord-Fantasien in der Corona-Protestszene.

Sind alle, die zu Corona-Demos gehen, bösartig oder verrückt? Natürlich nicht. Immer klarer indes schält sich heraus: In der Querdenker-Bewegung tummeln sich auch – und zwar oft in herausgehobenen Positionen, als Redner, Vordenker, Lautsprecher, Stimmungsmacher – Reichsbürger, Wirrköpfe, Hetzer, Verschwörungsmärchenerzähler, Rechtsextreme, die Demos als Trittbrett nutzen wollen, um ihre zersetzende Staatsfeindschaft zu säen.

Diese gefährliche Unterströmung der Corona-Proteste hat unser Redaktionsmitglied Alexander Roth seit Beginn der Pandemie in einer ganzen Serie vorbildlich gründlich recherchierter Artikel ausgeleuchtet. Weil er viele unbequeme Wahrheiten über die Querdenker-Bewegung zutage gefördert hat, wurde er für manche zum Gesicht des Feindes.

Corona, Heinrich Fiechtner und die Inflation der Nazi-Vergleiche

Dieser Tage hat Roth sich mit dem Landtagsabgeordneten Heinrich Fiechtner befasst, vormals AfD, mittlerweile fraktionslos. Fiechtner tritt als Redner bei Coronademos auf, unter anderem sprach er neulich in Rommelshausen und in Stuttgart. Roth mailte ihm einen Fragenkatalog. Was Fiechtner antwortete, lässt abgrundtief blicken.

Landtagspräsidentin Muhterem Arras mache „einem Hermann Göring echte Konkurrenz“, erklärte Fiechtner, den bayrischen Ministerpräsidenten bezeichnete er als „Södolf“, Kretschmann als „Winni Polpot“.

Was Fiechtner aber über die Corona-Regeln schrieb, las sich, als drohe da so etwas wie ein neuer Holocaust: „Am 27.1. ist Auschwitztag. Da werden wieder die Krokodilstränen vergossen und man ruft pathetisch heraus: Nie wieder! Und macht genau das wieder. Wehret den Anfängen! Ich fürchte nur, wir sind über das Anfangsstadium schon hinaus.“

Tja. Richtig überraschend ist das nicht bei einem, der neulich auch vor laufender Kamera erklärt hat: Wer die Corona-Schutzimpfung „propagiert“, mache sich „zu einem Jünger Josef Mengeles“.

Man könnte all das resigniert auf sich beruhen lassen – darüber ernsthaft diskutieren zu wollen, ist ja sowieso unmöglich. Der Fall ging aber noch weiter.

"Kugeln in den Kopf": Protokoll einer Eskalation

Fiechtner postete seine Mailkorrespondenz mit Roth auf seinem Telegram-Kanal, erklärte seinen über 20 000 Followern, dies sei die „Anfrage eines Schornazisten“, und verbreitete auch den Screenshot eines Roth-Artikels nebst Autorenfoto. Worauf die Verbal-Eskalation ihren Lauf nahm. Einer in der Telegram-Gruppe rief dazu auf, Roth vors Haus zu „scheissa“; ein anderer tobte in der sich aufschaukelnden Schimpforgie gleich auch noch gegen ZDF-Chefredakteur Peter Frey – „diesen Schmierlappen als Journalist zu bezeichnen, wäre ein Hohn“.

Und dann meldete sich ein Dritter zu Wort, der seinem Telegram-Namen „Q“ zufolge der Verschwörungshetzbewegung QAnon anhängt. Dieser Q also schrieb:

„Ohne Kugeln in den Kopf wird nix passieren. Die Bewegung braucht einen Einzeltäter, der jedem Regierungspolitiker eine Kugel verpasst. So ähnlich wie damals die RAF das System versucht hat zu ändern.“

Wir haben darüber die Polizei informiert; wohl wissend, dass es schwer sein wird, den feige aus dem Hinterhalt der Anonymität operierenden Q zu identifizieren oder den Telegramgruppe-Betreiber Fiechtner mit in die Verantwortung zu nehmen. Die Staatsanwaltschaft Stuttgart ermittelt nun wegen öffentlicher Aufforderung zu Straftaten; was dabei herauskommt, wird man sehen.

Wichtiger als die juristische Aufarbeitung ist uns sowieso etwas anderes ...

Sturm aufs Capitol, oder: Warum wir Verbal-Exzesse nicht verschweigen dürfen

Wir halten es für unerlässlich, diese Geschehnisse öffentlich zu machen, weil sie ein entlarvendes Lehrstück darüber sind, wie enthemmt Teile der Querdenker-Szene sich in ihrer Parallelwelt aufführen und welche Hassträume sich da Bahn brechen und gegenseitig befeuern.

Das seien doch bestimmt nur ganz wenige? Und sicherlich nicht repräsentativ? Nun ja. Fiechtner zumindest ist kein vereinzelter Irrläufer, sondern hat ein fünfstelliges Telegram-Gefolge, ist keine unbedeutende Randfigur, sondern ein bei Demos fleißig beklatschter Rede-Promi: ein Szene-Frontmann. Seine Videos werden auf Youtube gefeiert: „Sie sind der Mann des Volkes“, „wir stehen hinter Ihnen“, „super Typ“.

All das steht in einem größeren Kontext. Die Journalistengewerkschaft DJV hat dieser Tage erklärt: „Hass, Gewalt und Mordaufrufe richten sich immer häufiger gegen Journalist/-innen.“ Das ist nicht nur in Deutschland zu beobachten: Einer der Capitol-Stürmer von Washington ritzte dort in eine Tür: „Murder the Media”. Der Mob nahm Kamerateams die Ausrüstung ab und trampelte darauf herum. Lynchstimmung lag in der Luft. Auch dazu übrigens hat sich Fiechtner geäußert: Ach, das sei doch nur eine „Showveranstaltung“ gewesen, ähnlich wie der schwarz-weiß-rote Aufmarsch im September „vor dem Reichstag“. Es hörte sich fast an, als sei ihm das zu wenig: „Wenn der Bogen überspannt wird, müssen die Bürger die Gesetzesbrecher, die Verfassungsbrecher vertreiben“ – und dann gelte es „vielleicht, ernst zu machen“.

Ein Auftrag und Versprechen: Wir berichten natürlich weiter

„Wir lassen uns nicht einschüchtern!“, hat der DJV dieser Tage geschrieben. Natürlich nicht. Im Gegenteil: Der Fall zeigt aus unserer Sicht ja mustergültig, wie bitter nötig und verdienstvoll Recherchen wie die von Alexander Roth sind. Denn vieles, was in der Szene gärt, flöge unterm Wahrnehmungsradar der breiten Öffentlichkeit, wenn nicht kompetente Journalisten wie er gründlich und ausdauernd darüber berichten würden.

Der vernünftige Teil der Gesellschaft – und das ist, wie wir aus vielen lobenden Rückmeldungen wissen, die klare Mehrheit! – muss wissen, was sich da zusammenbraut. Wir erfüllen gerne unseren Auftrag, darüber zu informieren; weiterhin und jetzt erst recht.