Meinung

Ich war im Corona-Hochrisiko-Bezirk in Berlin - Chefredakteur des Zeitungsverlags Waiblingen berichtet von seinen Erfahrungen

Berlin Corona stadt haupstadt berlin mitte
Berlin Mitte. © Benjamin Büttner

Fünf Berliner Bezirke, einige davon mit fast so viel Menschen wie der Rems-Murr-Kreis, gehören inzwischen zu den Corona-Hochrisiko-Bezirken in Deutschland. Tendenz: besorgniserregend. Bundespolitiker schimpfen in Berlin über das Bundesland Berlin, das anscheinend wenig gegen die Ausbreitung des Virus unternimmt. Ich war jetzt in Berlin und kann sagen, die schlimmsten Klischees über diese Stadt sind gar keine, sie sind bittere Realität.

Anfahrt über die B 109 Richtung Zentrum, die Straße ist zweispurig. Ein blaues Handwerkerauto fährt vor mir her, blinkt manchmal nach rechts, fährt aber weiter. Dann bleibt es direkt vor einer Kreuzung stehen und setzt wenig später die Warnblinker. Vorbei komme ich nicht, auf der zweiten Spur ist zu viel Verkehr. Also kräftig auf die Hupe gedrückt. In Berlin muss man sich ja schließlich bemerkbar machen.

Ein junger Handwerker steigt sichtlich erregt aus, achtet nicht auf den Verkehr, der dicht an ihm vorbeifährt und schreit: „Sch…kerl, was willst du, ver… dich.“ Weil ich nicht mehr hupe, steigt er wieder laut schimpfend in sein Auto und bleibt natürlich weiter stehen, vermutlich macht er Frühstückspause auf der Bundesstraße. Ich komme nach mehreren Minuten endlich aus seinem Windschatten auf die zweite Spur. So schön beginnt der Morgen in Berlin.

Es ist hier wie immer, als würde es Corona nicht geben

Mittags im Restaurant, Alte Schönhauser Straße, an der Grenze zwischen Mitte und Prenzlauer Berg. Es ist hier wie immer, als würde es Corona nicht geben. Vollbesetzte Tische, kein Mindestabstand, Gäste-Daten werden nicht aufgenommen, den Menschen ist das hier offenbar egal. Doch eine Veränderung zur Vor-Corona-Zeit gibt es doch: Die Kellner tragen jetzt einen Kinnschutz aus Plexiglas, sieht schön aus, schützt aber nur das Kinn.

Später Nachmittag mit dem Taxi zur Konrad-Adenauer-Stiftung. Taxis werben inzwischen mit einer Trennscheibe zwischen Fahrern und Gäste. Die Realität ist: Die Trennscheibe ist eine Plastikplane, die zwischen den Kopfstützen der Vordersitze aufgespannt wird und genau in der Mitte auf Halbmast hängt. Je nach Taxi mal mehr oder weniger. Schutz bietet das wohl auch nicht.

Abends noch eine Tour um das Hotel - das Bild bleibt gleich

Vorbildlich dagegen die Veranstaltung zur Verleihung des Lokaljournalistenpreises. Jeder sitzt allein im großen Saal. Die Sitze zwischen den Gästen sind gesperrt, die meisten tragen auch während der Veranstaltung Masken. „Wir können trotzdem feiern“, sagt Norbert Lammert, der Chef der Adenauer-Stiftung.


Abends noch eine Tour um das Hotel. Das Bild bleibt gleich, keine Mindestabstände, keine Personalien. Aber draußen vor einem Burger-Laden sind Tische frei. Irgendwann bemerkt uns der Kellner und sagt: „Es ist jetzt unter 15 Grad. Da bedienen die Service-Kräfte nicht mehr draußen.“ Aber wir können ja drinnen bestellen und draußen essen. Nein, das geht natürlich nicht.

Berlin will jetzt ernst machen mit einer Sperrstunde ab 23 Uhr. Dabei wäre alles viel einfacher. Das Gesundheitsamt des Bezirkes Mitte müsste nur einmal die Alte Schönhäuser Straße rauf und runter laufen, die Zahl der Tische reduzieren und die Restaurants auf die Pflicht zur Datenerfassung hinweisen und das Ganze auch kontrollieren. Solche einfachen Dinge helfen im Kampf gegen den Corona-Virus. Die Handwerker kann die Stadt gerne weiter auf den Bundesstraßen parken lassen.

Fünf Berliner Bezirke, einige davon mit fast so viel Menschen wie der Rems-Murr-Kreis, gehören inzwischen zu den Corona-Hochrisiko-Bezirken in Deutschland. Tendenz: besorgniserregend. Bundespolitiker schimpfen in Berlin über das Bundesland Berlin, das anscheinend wenig gegen die Ausbreitung des Virus unternimmt. Ich war jetzt in Berlin und kann sagen, die schlimmsten Klischees über diese Stadt sind gar keine, sie sind bittere Realität.

Anfahrt über die B 109 Richtung Zentrum, die

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