Meinung

Kommentar zur Schließung der Boehringer-Schule

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Bildungszentrum II: In fünf Jahren steht hier nur noch „Lessing-Gymnasium“. © Habermann / ZVW

Es ist nicht gut, eine wertvolle Schule aufzugeben. Es ist schon gar nicht gut, wenn diese Schule die Einzige ihrer Art in einer Großen Kreisstadt ist. Das ist bei der Robert-Boehringer-Gemeinschaftsschule der Fall, die vom Winnender Gemeinderat am Dienstag, 27. September, zwischen 19 und 21 Uhr ein paar Kilometer weiter bachabwärts geschickt wurde. Die Entscheidung ist epochal. Winnenden hatte um 1980 einmal drei Hauptschulen: die Boehringer-, die Stöckach- und die Höfener Schule. Die Letzteren sind in der Boehringer-Schule aufgegangen, was nicht schön, aber erklärlich war. Aber nun verschwindet die Nachfolgerin aller drei Hauptschulen von der Gemarkung.

Hoffen wir, dass sich dieser unglückliche Beschluss nicht rächt, hoffen wir, dass künftige Schülergenerationen die Aufteilung zwischen Winnenden, Schwaikheim, Leutenbach und Berglen mitmachen, hoffen wir, dass Schwaikheim, wenn es eines Tages belastbare Kostenschätzungen für seine Schulerweiterung vorliegen hat, wirklich bauen will und kann, und hoffen wir, dass auch künftig junge Familien gerne nach Winnenden ziehen, obwohl diese Stadt keine Gemeinschaftsschule hat, jene Schulart, die immer attraktiver wird für Familien aller Einkommensschichten. Hoffen wir, dass es gutgeht.

Und machen wir uns keine falschen Hoffnungen, dass der Schulbus nach Schwaikheim noch aufzuhalten wäre durch Punkt 3 des Gemeinderatsbeschlusses vom Dienstag. Gewiss wird die Stadt noch einmal Kosten von Schulneubauten im ganzen Land vergleichen. Sicher wird sie noch ein paar Beispiele finden. Aber alle Erfahrungen aus vielen bisherigen Winnender Bauprojekten sagen: Wenn Bauamtsleiter Klaus Hägele eine Kostenschätzung geprüft hat und sie vertritt, dann ist die zutreffend und realistisch. Hägele ist in Kostendingen äußerst gewissenhaft. Er lässt sich zu gar nichts hinreißen: nicht zu künstlich aufgeblähten Kosten und schon gar nicht zu politisch gewollten Minderkosten. Mit Hägele würde niemand ein Stuttgart 21 erleben, weil der von vorneherein die Kosten in voller Höhe nennt. Das hat für den Gemeinderat immer den Vorteil, dass er weiß, was er beschließt, und es hat für die Boehringer-Schule den schwerwiegenden Nachteil, dass praktisch keine Aussicht besteht, von den hohen Kosten von 21,9 Millionen herunterzukommen auf verkraftbare 14 Millionen. Das ist höchstwahrscheinlich Illusion. Dieses letzte Lichtflimmern am Ende des Tunnels waren sich die Gemeinderäte vielleicht noch schuldig, es war wohl die Bedingung dafür, dass auch die SPD der wenig geliebten Schulfusion zustimmen konnte.

So unglücklich dieser Schulschließungsbeschluss ist (am Ende wird die Winnender Schule geschlossen sein, deshalb reden wir von der Zeitung weiterhin von Schließung, auch wenn der Oberbürgermeister lieber von einer „Zusammenführung“ spricht): Es ist bislang noch keiner mit einer glücklicheren Idee gekommen. Und es ist das Verdienst dieser Gemeinderatsdebatte, dass ehrlich das Unbehagen vieler Gemeinderäte, des Oberbürgermeisters und des Bürgermeisters an diesem Lösungsvorschlag für die Schulsituation zutage trat. Historische Dimension hat es, wenn der Oberbürgermeister vor versammelten Eltern, Lehrern und Gemeinderäten klar ausspricht, dass er eine große Enttäuschung ausgelöst hat mit dem Vorschlag, die Schule nicht zu bauen, und wenn er die Eltern und Schüler in aller gebotenen Form und Ernsthaftigkeit um Verzeihung bittet. Auch ein Lokalredakteur, der Jahrzehnte die Kommunalpolitik in verschiedenen Städten beobachtet, hat so etwas noch nicht erlebt.

Beharrliche Fragen und manchmal auch scharfe Provokationen vor allem von SPD-Stadtrat Hans-Dieter-Baumgärtner führten am Dienstagabend zu der Erkenntnis, dass Stadtverwaltung und Gemeinderäte vieles geprüft haben, dass sie sehr wohl überlegt haben, ob die Höfener Schule umgebaut werden könnte, dass die aber, wie Bürgermeister Norbert Sailer ausführte, im Augenblick 16 Räume habe und dann auf 40 Räume erweitert werden müsste, eine eigene Mensa bräuchte, und obendrein die Höfener Grundschule dann verlagert werden müsste. Wie soll man damit Kosten mindern? Auch die Geschwister-Scholl-Realschule an einen Nachbarort abzugeben, wurde in der Verwaltung überlegt. Aber: Würden Leutenbach oder Schwaikheim die 20 Millionen Euro aufbringen wollen, die man dafür sicher bräuchte? Und eine traurige Erkenntnis förderten Baumgärtners Anmerkungen auch zutage: Der Architektenwettbewerb für die neue Boehringer-Schule, später beauftragte Architektenpläne und die Fachplanungen dazu, haben zusammengerechnet eine halbe Million Euro gekostet. Das ist Lehrgeld, das die Allgemeinheit bezahlt. Sie weiß dank dieser Ausgaben nun sicher, dass sie diese Schule so nicht bezahlen kann.

Sehr offen schilderte Oberbürgermeister Holzwarth die Gedanken und Vermutungen, die zur Fusion mit Schwaikheim führten: Die Winnender wussten immer schon, dass in Schwaikheim eine Gemeinschaftsschule „vor sich hin tröpfelt“. OB Hartmut Holzwarth sprach es sogar aus, dass die Schwaikheimer Schule womöglich nur knapp oder gar nicht überlebt hätte, wenn Winnenden gebaut hätte. Er und einige Gemeinderäte vermuten also, dass sie mit dem Verzicht auf die Winnender die Schwaikheimer Schule retten oder zumindest stärken. Zuhörer konnten, auch wenn sie die Entscheidung niemals akzeptieren werden, vernehmen, dass sie ausführlich begründet wurde. Wenigstens das.

Eines wurde den Zuhörern im Saal leider nicht geliefert: eine Aussage darüber, wie die Winnender Schulmisere aus Landessicht gesehen wird. Als zum Beispiel Stadtrat Hans Ilg die Rolle des Landes in diesem Gemeinschaftsschuldebakel beleuchtete und als von vielen Seiten bestätigt wurde, dass eben das Land Gemeinschaftsschulen fordert, aber deren Neubau nicht ausreichend finanziell fördert, dass eben drei Millionen Euro Zuschuss bei 22 Millionen Euro Gesamtkosten ein Nasenwasser sind, hätte Willi Halder, der Grünen-Landtagsabgeordnete und Stadtrat, mal seine Einschätzung dazu offenbaren müssen. Dass er zu diesem Berührungspunkt zwischen Landes- und Kommunalpolitik ratzeputz nichts sagen wollte, war zu viel des Schweigens.