Meinung

Meinung: Großflächige Geschmacksverirrung oder geniales Glitzerleuchten am Torturm?

Torturm Licht
Der Torturm in seinem neuen, wuchtigen Lichtglitzerkleid. © Gabriel Habermann

Sind die Winnender happy mit der neuen Beleuchtung ihres Torturms auf der Marktstraße? Die schillernden Lichtervorhänge verdecken beide Seiten des historischen Bauwerks über zwei Turm-Stockwerke. Man hört darüber mehrerlei. Ein älterer Winnender erzählte mir, er habe ein Video zur Verwandtschaft im Ausland nach Übersee geschickt, ohne Kommentar. Vielleicht trifft’s ja den Bling-Bling-Geschmack anderswo auf der Welt, vielleicht sind sie Schlimmeres gewöhnt? Ein anderer Mann fühlt sich stark an ein im Discolichtgewitter glitzerndes Paillettenkleid erinnert. Bloß, dass dieses überhaupt nicht auf Maß geschneidert ist. Die typischen Konturen werden großspurig verdeckt, anstatt sie elegant zu betonen und gleichzeitig stimmungsvoll zu beleuchten.


Der Stadtmarketingverein hat die Vorhänge gekauft, um „ein optisches Highlight“ zu setzen, wie Attraktives-Winnenden-Geschäftsführer Timm Hettich sagt. „Wir wollten es heller haben und Aufmerksamkeit für den Torturm schaffen. Bisher ist er in der Weihnachtszeit so schwach beleuchtet gewesen, man hat ihn im Dunkeln gar nicht gesehen.“ Das stimmt. Facebook-Freunde frotzelten trotzdem, allerdings erstaunlich harmlos. „Naja“, schreibt ein Mann. Ein anderer entgegnet: „Lausig!“ Eine Frau bringt Verständnis auf, das in der mitleidigen Kürze aber umso schärfer wirkt. „Da wollte wohl jemand modern sein.“

Krass ist der Kontrast zu den Giebel-Lichterketten der benachbarten Häuser. Ist hier nicht nach vielen mageren Jahrzehnten die Schminke viel zu dick aufgetragen worden? Am liebsten würde man den Passanten ab der Dämmerung doch raten, sich nur noch mit Sonnenbrille dem Torturm zu nähern.Die Kritik trifft Timm Hettich gar nicht hart. „Dass Leute darüber diskutieren, auch mit mir vor dem Torturm, zeigt doch, dass der Impuls angekommen ist. Wir wollen doch Anziehungspunkte in der Stadt schaffen, zeigen, dass man hier was erleben kann. Ich habe auch noch nie so viele Menschen Selfies und Videos und Fotos vor dem oder vom Torturm machen sehen.“ Sein Eindruck ist, dass das Wuchtige bei den Jüngeren gut ankommt, und Ältere sagten zu ihm: „Je länger ich es angucke, desto besser finde ich es.“ Schließlich hat der Verein Attraktives Winnenden noch eine Instagram-Umfrage gestartet und unter 200 Teilnehmern gleißende 81 Prozent Zustimmung bekommen.

Damit alle mitreden können, auch diejenigen, die es aufgrund des Lockdowns und der abendlichen Ausgangssperre nicht mehr abends in die Stadt schaffen, hat unser Kollege Gabriel Habermann nicht nur fotografiert, sondern auch ein Video gedreht.

Übrigens haben wir auch recherchiert, was Glanz und Gloria gekostet haben: 25 000 Euro. Zum Paket gehören aber: Kauf der Lichtervorhänge und der neuen Beleuchtung mehrerer Weihnachtsbäume in der Innenstadt, Beleuchtung in den Seitenstraßen, alles einschließlich Auf- und Abhängen. „Die Arbeiten sind das Teuerste daran“, sagt Timm Hettich. Allein am Weihnachtsbaum auf dem Marktplatz arbeiten zwei Mann anderthalb Tage. Schritt für Schritt ist der Verein dabei, die Weihnachtsbeleuchtung zu verbessern. Das ging schon unter Timm Hettichs Vorgängerin Franka Zanek los. „Nächstes Jahr sind wieder Lichter für die neu an der Marktstraße gepflanzten Bäume vorgesehen. Und irgendwann werden die kaltweißen Lichterketten über der Schlossstraße in warmweiße ausgetauscht“, plant Hettich. Und: Die Silhouette des Torturms soll auch noch besser zur Geltung kommen. „Je höher die Beleuchtung angebracht werden muss, desto schwieriger wird's halt auch mit dem Stromanschluss.“

Sind die Winnender happy mit der neuen Beleuchtung ihres Torturms auf der Marktstraße? Die schillernden Lichtervorhänge verdecken beide Seiten des historischen Bauwerks über zwei Turm-Stockwerke. Man hört darüber mehrerlei. Ein älterer Winnender erzählte mir, er habe ein Video zur Verwandtschaft im Ausland nach Übersee geschickt, ohne Kommentar. Vielleicht trifft’s ja den Bling-Bling-Geschmack anderswo auf der Welt, vielleicht sind sie Schlimmeres gewöhnt? Ein anderer Mann fühlt sich stark

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