Meinung

Rathaus Winnenden: Geschlechtergerechte Sprache ohne Hebamme

Gendern
Das umstrittene Gendersternchen setzt sich in der Winnender Amtssprache nicht durch. © Gabriel Habermann

Zwei Frauen und ein Mann haben im Winnender Rathaus die geschlechtergerechte Sprache geregelt: Pressesprecherin Emely Rehberger, Hauptamtsleiterin Christina Riedl und Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth. Die Männerquote war nicht erreicht in diesem Gremium, aber das war auch nicht nötig, denn die drei haben einen Leitfaden entworfen, der die Amtssprache der Stadt einerseits gerecht regelt, und andererseits die schlimmsten Sprachverhunzungen vermeidet.

Kleine Unschärfen, bei denen sich Germanisten vom alten Schlag die Fußnägel aufrollen, stecken schon drin in der städtischen Gendersprache: „Mitarbeitende“ sollen die städtischen Bediensteten genannt werden. Das Partizip Präsens beschrieb bislang immer das, was der oder die Betreffende gerade tat.

Solange die Mitarbeiterin mitarbeitet, ist sie Mitarbeitende. Geht sie nach dem Rathaustag aber in die Traube und trinkt ein Bier, ist sie Biertrinkende. Geht sie heim ins Bett – ist sie dann schlafende Mitarbeitende? Guet Nacht um Sechse mit solchen Spitzfindigkeiten.

Wir werden uns umgewöhnen und das Partizip Präsens durch eine weniger scharfe Brille betrachten. Man gewöhnt sich an alles. Ääääähh. Stopp! So geht’s nicht. „Man“ – dieses nette, einsilbige Wort schleicht sich so schnell in die allgemeingültigen Aussagen ein, es ist verflixt. Man schreibt nicht mehr „man“ bei der Stadt. Man schreibt stattdessen auch nicht man/frau, was auch nur eine sprachliche Holprigkeit wäre.

Nein, es bleibt den städtischen Bediensteten nur noch der Passivsatz: „Das Wort man wird nicht mehr geschrieben.“ Schön ist diese anonymisierende Satzkonstruktion noch nie gewesen, aber als Verlegenheitssatz, wenn eine Autorin Ross und Reiter nicht nennen möchte, war sie grammatikalisch immer schon korrekt. Die Verfasserinnen und der Verfasser der städtischen Sprachregeln haben offenbar in diesen Fällen der Geschlechtergerechtigkeit den Vorrang gegeben vor sprachlicher Eleganz. Beides zugleich ist nicht zu haben.

Also gewann das Wichtigere. Irgendwie erträglich ist das schon, denn es hätte alles viel schlimmer kommen können. Die Gendersternchen bleiben der Bevölkerung erspart und echte tiefgreifende Sprachverhunzungen vermieden sie zum Glück auch. Der Bürgermeister müsste konsequent durchgegendert eigentlich „Bürger*innenmeister“ heißen, und dazu sagte der Winnender Oberbürgermeister: „Dieses Wort gibt es nicht!“ Wo er recht hat, hat er recht.

Von einem weiteren Substantiv ließen die Sprachreglerinnern und der Sprachregler zum Glück die Finger weg: Die Hebamme bleibt Hebamme, selbst wenn am Winnender Klinikum ein Mann den Hebammenberuf erlernen sollte. Sonst hieße der am Ende noch „Hebammser“.

Zwei Frauen und ein Mann haben im Winnender Rathaus die geschlechtergerechte Sprache geregelt: Pressesprecherin Emely Rehberger, Hauptamtsleiterin Christina Riedl und Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth. Die Männerquote war nicht erreicht in diesem Gremium, aber das war auch nicht nötig, denn die drei haben einen Leitfaden entworfen, der die Amtssprache der Stadt einerseits gerecht regelt, und andererseits die schlimmsten Sprachverhunzungen

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