Meinung

"Sie sind der absolute Abschaum": Wie mich Maskenverweigerer aus dem Rems-Murr-Kreis im Telegram-Chat beschimpfen

Maskenverweigerer Chat Telegram Corona Roth
Wenn dich plötzlich dein eigenes Gesicht aus einem Chat anlacht, in dem du aufs Übelste beschimpft wirst. © ZVW/Gülay Alparslan

„Unser Journalist Alexander Roth beschäftigt mich heute den ganzen Tag“, schrieb die Administratorin eines Telegram-Chats von Maskenverweigerern und „Querdenken711“-Anhängern aus dem Kreis kürzlich in die Gruppe. Sie habe gehört, dass ich Drohbriefe bekomme – was sie furchtbar finde.

Nun muss ich dazu festhalten: Drohbriefe bekomme ich keine. Drohmails, ja, das hat es schon gegeben. Das gehört zum Berufsrisiko, wenn man über Rechtsextremismus schreibt, wie die Administratorin richtig vermutet. Was sie aber unterschlägt: Ich werde regelmäßig angefeindet und beschimpft – in der von ihr verwalteten Chatgruppe.

Das wäre mir eigentlich keinen Artikel wert. Würde es nicht allzu deutlich zeigen, wie viel Hass sich hinter der Fassade einer Bewegung verbirgt, die angeblich für Frieden und Freiheit einsteht.

„Die Laus im Pelz unseres Chats“

 Seit mehreren Wochen beobachte ich die Aktivitäten in der Chatgruppe, deren Namen ich an dieser Stelle nicht nennen möchte, um ihr keinen weiteren Zulauf zu verschaffen. Auch die Namen der Gruppenmitglieder habe ich in keinem meiner Artikel genannt. Auch wenn sie mir teilweise bekannt sind.

Umgekehrt tauchten bereits mehrfach Bilder von mir im Chat auf. „Das ist der Schreiberling, der wie eine Laus im Pelz in unserem Chat hockt und Teile daraus für seine Schundartikel in der Rems-Murr-Umschau verwendet, um uns zu diffamieren“, stellt mich ein Gruppenmitglied vor.

Nun setzt der Vorwurf der Diffamierung voraus, dass ich den Mitgliedern der Chatgruppe Unwahres unterstellen, oder sie beschimpfen würde. Nur wurde bislang kein einziges Mal inhaltliche, mit Argumenten untermauerte Kritik an einem von mir geschriebenen Satz im Chat geäußert. Und beschimpft habe ich niemanden.

Stattdessen kommen Vorschläge, über was ich sonst so berichten könnte. Und, nicht zu knapp, Unterstellungen und Beschimpfungen.

Die volle Ladung Hass

Die Mitglieder des Maskenverweigerer-Chats nennen mich „der feine Herr Roth“, den „sogenannten“ Journalisten vom „Nazi-W-KZ“, der nur abschreibe und nicht selbstständig denke. Ein Gruppenmitglied bat mich sogar darum, sie wörtlich mit der folgenden wüsten Beschimpfung zu zitieren: „Sie sind der absolute Abschaum, samt Ihrer Kollegen […].“

Auch eine indirekte Drohung habe ich im Chat infolge meiner Berichterstattung schon erhalten. Diese wurde aber mittlerweile gelöscht. Auf dem gespeicherten Screenshot zu lesen: „Bald wird der Alex mal was Ehrliches im Steinbruch machen müssen.“

Im Vergleich zu den Folterfantasien eines anderen Gruppenmitglieds würde ich dabei noch glimpflich davonkommen: „Diese Politikerbagage gehört durch Berlin getrieben mit Mistgabeln. In Schandgeigen“, steht immer noch im Chat zu lesen. Darunter ein Wikipedia-Link dazu, damit auch ja niemand missversteht, dass es sich bei Schandgeigen um ein Folterinstrument handelt.


Sie können sich vor diesem Hintergrund vielleicht vorstellen wie absurd es für mich anmutet, wenn plötzlich ein Bildtext im Chat auftaucht, der davor warnt, Menschen mit anderer Meinung „zu entmenschlichen“. Ein Nutzer kommentierte das auch noch mit: „Super Spruch, kommt gleich in meinen Status, auch wenn von denen keiner reagiert, die darauf reagieren sollte.“

Ja, diesen Verdacht habe ich auch. Im Chat zeigte zumindest niemand, dass er sich angesprochen fühlte.

Wofür ich Verständnis habe – und wofür nicht

Währenddessen fragte sich die Administratorin der Chatgruppe, ob ich eigentlich tatsächlich hinter dem stehe, was ich schreibe. „Auch wundere ich mich ob ihm wirklich jegliches Verständnis für Menschen abgeht, die die Corona-Maßnahmen kritisch hinterfragen.“

Darauf möchte ich hier gerne antworten: Ja, ich stehe hinter jedem Wort, das ich schreibe. Mit meinem Namen, der im Chatverlauf bald öfter vorkommt als der von so manchem Gruppenmitglied. Und mit meinem Foto, das dort so gerne geteilt wird.

Und natürlich habe ich Verständnis für Menschen, die Corona-Maßnahmen kritisch hinterfragen. Und natürlich sehe ich, dass die Corona-Krise schwerwiegende Folgen hat, auf persönlicher und beruflicher Ebene, für viele, viele Menschen.

Aber ich habe kein Verständnis für Menschen, die ganz bewusst Maßnahmen zur Eindämmung des Virus sabotieren und andere dazu anstiften, dasselbe zu tun.

Für Menschen, die lebensgefährliche "Gesundheitstipps" verbreiten.

Für Menschen, die Reichsbürger-Inhalte und Kanäle der gefährlichen QAnon-Bewegung verbreiten und anderen Menschen hinterherlaufen, die mit diesen Verschwörungsideologien offensichtlich in Verbindung stehen.

Für Menschen, die sich mit Opfern des Nationalsozialismus vergleichen, weil sie an manchen Orten einen Mund-Nasen-Schutz tragen müssen oder von anderen für ihr Verhalten kritisiert werden.

Ob der ZVW mir erlaubt, mich mit Menschen zu unterhalten?

Die Administratorin schloss ihren Chat-Beitrag mit den Worten „Herr Roth, falls der ZVW Ihnen freie Bahn gibt, würde ich mich sehr gerne mit Ihnen unterhalten.“ Als Kontaktmöglichkeit nannte sie eine Privatnachricht auf Telegram.

Dazu kann ich nur sagen: Der Zeitungsverlag Waiblingen gibt mir derart freie Bahn für Unterhaltungen mit meinen Mitmenschen, das glaubt mir keiner: ich habe hier mein eigenes Telefon, mit meiner eigenen Telefonnummer und sogar meine eigene E-Mail-Adresse.

Menschen, die mich kontaktieren wollten, hatten damit in der Vergangenheit keine Probleme.

Aber dass ich anonym über Telegram mit Menschen chatte, die all das, was ich soeben beschrieben habe, mindestens tolerieren, damit diese dann erfahren, unter welchem Nutzernamen ich Ihren Chat beobachte? Ich glaube kaum.

„Unser Journalist Alexander Roth beschäftigt mich heute den ganzen Tag“, schrieb die Administratorin eines Telegram-Chats von Maskenverweigerern und „Querdenken711“-Anhängern aus dem Kreis kürzlich in die Gruppe. Sie habe gehört, dass ich Drohbriefe bekomme – was sie furchtbar finde.

Nun muss ich dazu festhalten: Drohbriefe bekomme ich keine. Drohmails, ja, das hat es schon gegeben. Das gehört zum Berufsrisiko, wenn man über Rechtsextremismus schreibt, wie die Administratorin richtig

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