Meinung

Thomas Bertholds Lieblingsfachbuch, oder: Wie ich versuchte, die Corona-Zweifler zu verstehen

Thomas Berthold
Der ehemalige deutsche Nationalspieler Thomas Berthold. Foto: Friso Gentsch/dpa/Archivbild © Friso Gentsch

Ganz ehrlich, ich versuch’s. Wann immer ich mich dabei ertappe, die Corona-Demo-Leute für Verschwörungstheoretiker, rechte Esoteriker und Wirrköpfe zu halten (ich geb’s zu, es kommt oft vor), weise ich mich innerlich zurecht: Moooment, bring doch bitte mal ein bisschen Verständnis für die auf! Man kann doch nicht alle einfach so in dieselbe Tonne treten. Was ist so schlimm daran, ab und zu kreuz und quer und meinetwegen auch mal krumm zu denken? Pure Vernunft darf niemals siegen! In einer Welt, die nur aus Mainstream, Massenverstand und Mehrheitsmeinung bestünde, wollte ich nicht leben. Hat nicht Konstantin Wecker gesungen, „wo alle loben, habt Bedenken, wo alle spotten, spottet nicht“?

Also echt, ich geb mir Mühe. Und erleide immer wieder brutale Rückschläge.

Illuminaten, Juden und Rotarier, oder: Was Fußballweltmeister Thomas Berthold so alles liest

Neulich zum Beispiel: Fußballweltmeister Thomas Berthold sprach bei einer Querdenkerdemo. Sein Vertrauen in die politische Führung, erklärte er, sei bei „unter Null“ angekommen. Nun ja, warum nicht.

Und dann erfuhr ich: Im Jahre 1999 hatte Berthold für die Internet-Buchhandlung „buecher.de“ einen Fragebogen ausgefüllt. Unter „Lieblingsfachbuch“ trug er ein: „Geheimgesellschaften und ihre Macht im 20. Jahrhundert“ von Jan van Helsing.

Aus diesem „Fachbuch“ erfährt der geneigte Leser: dass katholische Kirche, Juden, Freimaurer, Rotarier und Lions Club alle unter derselben Weltverschwörerdecke steckten; dass Träger alles Bösen die „Illuminati“ seien, ein weltumspannender Geheimbund; dass eine ganz besonders schurkische Rolle in diesem Komplott „jüdische Bankiers“ spielen sollen, vor allem die Rothschilds; und dass Helmut Kohl in Wahrheit Hennoch Kohn geheißen habe und damit also auch ein Teil der perfiden zionistischen Internationale gewesen sei.

Auf einer verborgenen „Flugscheibenbasis“ im Irak aber stünden immer noch „reichsdeutsche Ufos“ aus SS-Werkstätten bereit. Na so ein Glück, noch ist nicht alles verloren.

Lieblingsfachbuch. Heiliger Sankt Sockenschuss.

Ob Dracula darauf stolz wäre? Oder: Warum Herr Holey Herr van Helsing heißt

Dermaßen schamlos bediente sich van Helsing bei den „Protokollen der Weisen von Zion“, der wohl abgründigsten antisemitischen Verleumdungserfindung der Weltgeschichte, dass es bereits 1996 eine Anzeige wegen Volksverhetzung setzte. In Wahrheit heißt van Helsing übrigens Holey. Sein Pseudonym entlieh er sich vom Vampirjäger in Bram Stokers Roman „Dracula“. Helsing/Holey findet offenbar, er kämpfe auch gegen Blutsauger. Sorry, aber dieser böse Bockmist ist halt leider kein Fachbuch und bitte bitte bitte, Herr Berthold, auch kein Lieblingsbuch.

Wie gesagt, ich versuch’s. Aber Entschuldigung, Leute, ihr macht es einem echt nicht leicht.

Ganz ehrlich, ich versuch’s. Wann immer ich mich dabei ertappe, die Corona-Demo-Leute für Verschwörungstheoretiker, rechte Esoteriker und Wirrköpfe zu halten (ich geb’s zu, es kommt oft vor), weise ich mich innerlich zurecht: Moooment, bring doch bitte mal ein bisschen Verständnis für die auf! Man kann doch nicht alle einfach so in dieselbe Tonne treten. Was ist so schlimm daran, ab und zu kreuz und quer und meinetwegen auch mal krumm zu denken? Pure Vernunft darf niemals siegen! In einer

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