Teil 1

So gelingt der berufliche Wiedereinstieg nach Eltern- oder Pflegezeit

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Die dreifache Mutter Iris Stecher hat nach 20 Jahren Pause wieder einen Job bei einer Maschinenbaufirma gefunden. © Ralph Steinemann Pressefoto
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Petra Persigehl, Beauftragte für Chancengleichheit bei der Arbeitsagentur Waiblingen, berät unter anderem Wiedereinsteigerinnen wie Iris Stecher. © Ralph Steinemann Pressefoto

Beruflicher Wiedereinstieg nach Eltern- oder Pflegezeit

Nach wie vor sind es hauptsächlich Frauen, die wegen der Kinderbetreuung oder der Pflege Angehöriger aus dem Job ausscheiden. Doch wer lange nicht berufstätig war, ist beim Wiedereinstieg oft verunsichert. Die Wiedereinstiegsberatung der Arbeitsagentur gibt Tipps, motiviert und hilft dabei, Hürden zu überwinden.

Nach 20 Jahren Pause wieder einen Job finden? Gar nicht so einfach, möchte man meinen. Doch Iris Stecher hat es geschafft. Die 54-Jährige hat nach ihrer kaufmännischen Ausbildung 15 Jahre lang bei verschiedenen Unternehmen gearbeitet. Dann bekam sie ihren ersten Sohn, ein paar Jahre später ihren zweiten und 2006 schließlich den dritten. „Mit drei Söhnen war ich gut beschäftigt und ich wollte meinen Kindern ein Nest bieten“, erzählt sie. „Deshalb habe ich lange nur nebenberuflich gearbeitet.“ Als ihr jüngster Sohn ein Jahr alt war, begann Iris Stecher wieder – wie früher – Orgel zu spielen, absolvierte eine kirchenmusikalische Ausbildung und leitete nebenberuflich mehrere Chöre. „Im letzten Jahr dachte ich dann, jetzt muss sich was ändern“, sagt sie. „Nach 20 Jahren wollte ich einfach gerne wieder zurück in den Beruf. Anfangs wusste ich aber noch nicht so recht, wie.“

Dieses Problem kennt auch Petra Persigehl, die als Beauftragte für Chancengleichheit bei der Arbeitsagentur Waiblingen unter anderem Wiedereinsteigerinnen wie Iris Stecher berät. „Nach wie vor sind es hauptsächlich Frauen, die wegen Elternzeit oder der Pflege Angehöriger zuhause bleiben“, erklärt Persigehl. „Und nach mehreren Jahren Pause sind viele verunsichert und wissen nicht so richtig, wie sie sich auf dem Arbeitsmarkt am besten präsentieren können.“

So ging es auch der 54-Jährigen. Auf mehrere Bewerbungen hin erhielt Iris Stecher Absagen oder es kam überhaupt keine Reaktion. Sie meldete sich bei beruflichen Netzwerken im Internet an und durchforstete Jobbörsen. Weil sie nur ältere Zeugnisse hatte, überlegte sie, welche Unterlagen sie einem potenziellen neuen Arbeitgeber vorlegen kann. Sie ließ sich von Petra Persigehl beraten, bekam Tipps für Bewerbung und Vorstellungsgespräch und Informationen zu verschiedenen Online-Kursen der Arbeitsagentur. Die Kurse brauchte sie aber nicht mehr. Denn da hatte sie sich schon erfolgreich auf eine Stelle am Empfang einer Maschinenbaufirma in Plüderhausen beworben. „Dort arbeite ich jetzt anderthalb Stunden am Tag und mache Vertretungen“, erzählt die 54-Jährige. „Der Job ist sehr vielseitig, die Kollegen sind nett und es macht wirklich Spaß.“

Gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt

Wiedereinsteigerinnen wie Iris Stecher haben derzeit recht gute Chancen auf dem hiesigen Arbeitsmarkt. „Für Frauen sieht es gerade ganz gut aus“, sagt Petra Persigehl. „Auch wer über 50 ist und lange beruflich pausiert hat, wird derzeit eher vermittelt. Allerdings fehlt es nach wie vor an Teilzeitstellen.“

Die 41-jährige Silvija Sedlak hat vor einigen Monaten eine Teilzeitstelle gefunden: als Rechtsanwaltsgehilfin bei einer Anwaltskanzlei in Bad Cannstatt. Elf Jahre lang hatte sie zuvor pausiert und nur nebenberuflich in einem Immobilienbüro gearbeitet. Für ihre Tochter hatte sie nur stundenweise eine Betreuungsmöglichkeit. Erst als ihre Tochter in die fünfte Klasse kam, entschied Silvija Sedlak, dass es an der Zeit war, wieder in ihren ursprünglichen Job zurückzukehren. Doch das war längst nicht so einfach, wie sie es sich gewünscht hätte.

„Wenn man sich bewirbt, wird ein Kind schon oft als Hindernis angesehen und man wird gefragt, was ist, wenn das Kind krank wird“, sagt die 41-Jährige. „Bei Männern wird so etwas nicht gefragt.“ Auf mehrere Bewerbungen bekam Silvija Sedlak eine Absage. „Da kommt man sich wie ein Loser vor – gerade, wenn man sonst eigentlich nie Probleme bei der Jobsuche hatte.“ Doch Sedlak ließ sich nicht entmutigen. Für ihre Bewerbungen recherchierte sie im Internet und stieß dabei auf die Wiedereinstiegsberatung der Arbeitsagentur Waiblingen. Sie vereinbarte einen Termin, bekam Broschüren und Infomaterial zugeschickt und ließ sich von Petra Persigehl beraten. „Das Gespräch hat mich sehr motiviert und ich habe wichtige Tipps bekommen“, erzählt Silvija Sedlak. „Ich hätte auch noch Online-Kurse machen können, aber da hatte ich meinen neuen Job schon gefunden.“

Ursprünglich hatte Silvija Sedlak nach einer Vollzeitstelle gesucht. Doch als sie auf die Stellenanzeige eines Rechtsanwalts stieß, den sie von früher kannte, rief sie an und bewarb sich. „Das war zwar eine 50-Prozent-Stelle, aber da ich für meine Tochter nach der Schule keine Betreuung habe, wäre eine Vollzeitstelle sowieso zu viel gewesen“, erklärt die Rechtsanwaltsgehilfin. Also habe sie sich für die Teilzeitstelle entschieden. Bei ihrem neuen Arbeitgeber, für den sie seit Mai 2019 arbeitet, fühlt sich Silvija Sedlak rundum wohl. „Es ist schön, wieder zu arbeiten“, sagt sie.

Damit der Wiedereinstieg am Ende so gut läuft wie bei Iris Stecher und Silvija Sedlak, rät Petra Persigehl zu einer frühzeitigen Planung. „Ich muss mir klar machen: Wo stehe ich? Was will ich? Will ich in meinen alten Job zurück oder will ich etwas ganz Neues machen? Und brauche ich dafür eine neue Qualifikation?“, so die Wiedereinstiegsberaterin. „Und nach der Elternzeit muss ich mir überlegen, wie mein Umfeld aussieht, ob ich Hilfe bei der Kinderbetreuung habe und was ich tue, wenn mein Kind krank ist.“

Wer nach längerer Pause wieder anfangen möchte zu arbeiten, sollte sich außerdem in Jobbörsen einen Überblick über den aktuellen Arbeitsmarkt verschaffen. Auch die Wiedereinstiegsberatung der Arbeitsagentur kann wertvolle Tipps geben. Allen, die nach der Elternzeit wieder in ihren alten Job zurückwollen, empfiehlt Petra Persigehl, auch während der Zeit zu Hause den Kontakt zum Arbeitgeber zu halten und sich frühzeitig mit dem Thema Arbeitszeiten zu befassen. „Wenn man zum Beispiel nicht wieder in Vollzeit arbeiten will, kann man sich überlegen, wie ein Teilzeitmodell aussehen könnte“, so Persigehl. „Eine Vollzeitstelle kann man zum Beispiel auch teilen.“ Denn wichtig, so Persigehl, sei, dem Arbeitgeber eine Lösung zu präsentieren und kein Problem. Außerdem dürften Wiedereinsteigerinnen und Wiedereinsteiger ruhig selbstbewusst auftreten. Gerade Mütter sollten sich über ihre besonderen Kompetenzen im Klaren sein. Denn sie seien in der Regel nicht nur belastbar und multitaskingfähig, sondern auch motiviert und sehr zuverlässig. „Das sind interessante Qualifikationen, die man sich in der Elternzeit aneignen kann“, so Persigehl. „Außerdem fängt man als Wiedereinsteiger ja nicht bei null an. Das sollte einem bewusst sein.“

Caroline Friedmann

Unterstützung und Beratung beim Wiedereinstieg

Fragen zum Thema Wiedereinstieg beantwortet Petra Persigehl von der Arbeitsagentur Waiblingen immer donnerstags von 9 bis 12 Uhr unter der Telefonnummer 07151 9519-225 sowie unter der E-Mail-Adresse waiblingen.wiedereinstieg@arbeitsagentur.de. Am 14. November 2019 findet in der Arbeitsagentur Waiblingen die nächste Informationsveranstaltung zum Wiedereinstieg in den Beruf statt. Bei der Veranstaltung „BiZ & Donna: Digitales Selbstmarketing für Frauen“ am 21. November geht es um die Frage, wie Frauen sich im Job besser präsentieren können.