Messerattacke

Motivsuche nach Gewalttat in Würzburg dauert an

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Nach Messerattacke in Würzburg
Trauerkerzen vor dem Kaufhaus in Würzburg, in dem ein Mann Menschen mit einem Messer attackiert hatte. Foto: Nicolas Armer/dpa © Nicolas Armer
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Joachim Herrmann
Joachim Herrmann (CSU), bayerischer Innenminister, während einer Pressekonferenz zu der Messerattacke in der Würzburger Innenstadt. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa © Karl-Josef Hildenbrand
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Nach Messerattacke in Würzburg
Mutig: Chia Rabiei vor dem Kaufhaus in der Innenstadt, in dem ein Mann Menschen mit einem Messer attackiert hatte. Foto: Carolin Gißibl/dpa © Carolin Gißibl
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Nach Messerattacke in Würzburg
Couragierter Einsatz: Die drei Freunde Dietrich Winter (l-r), Mikhael Ivlev und Elvis Dick vor dem Kaufhaus in Würzburg. Foto: Carolin Gißibl/dpa © Carolin Gißibl

Würzburg (dpa) - Die mutigen Helfer von Würzburg werden landauf, landab gelobt, geben unzählige Interviews und sollen nun auch ganz offiziell ausgezeichnet werden.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) will den couragierten Bürgern, die sich dem Messerstecher vom Freitag entgegenstellten, die Bayerische Rettungsmedaille verleihen. Auch die Mainstadt überlegt nach Angaben eines Sprechers, wie sie diese Menschen würdigen kann. Zugleich arbeiten die Ermittler des Landeskriminalamtes mit Hochdruck daran, das Verbrechen aufzuklären. Indizien deuten auf islamistische Hintergründe hin. Der Täter könnte aber auch psychisch krank sein und möglicherweise schuldunfähig. Gegen ihn wurde bereits früher einmal ermittelt.

«Sie haben ein Höchstmaß an Zivilcourage gezeigt», sagte Söder am Montag der «Main-Post» mit Blick auf die Helfer. Die Bayerische Rettungsmedaille ist eine staatliche Auszeichnung für Menschen, die unter Einsatz des eigenen Lebens andere aus Lebensgefahr gerettet haben - eine Sprecherin der Staatskanzlei in München sagte, es sei noch nicht bekannt, wie viele Menschen die Rettungsmedaille erhalten sollen.

Ein Somalier hatte am Freitagnachmittag in der Würzburger Innenstadt offensichtlich ohne Vorwarnung auf Menschen eingestochen, die er wohl gar nicht kannte. Drei Frauen starben, sieben Menschen wurde verletzt. Der 24-Jährige sitzt in Würzburg in Untersuchungshaft - wegen dreifachen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung sowie vorsätzlicher Körperverletzung.

Passanten hatten den Mann noch vor seiner Festnahme gefilmt, wie er mit einem Messer in der Hand und barfuß durch die Stadt lief. In den im Netz verbreiteten Clips war zu sehen, wie Menschen versuchen, den Angreifer zu überwältigen. Ein Mann ging mit einem Besen auf den 24-Jährigen los, andere waren mit Stühlen in der Hand unterwegs.

Einer dieser mutigen Männer ist Chia Rabiei. Der Kurde mit iranischer Staatsbürgerschaft lebt nach eigenen Worten seit 18 Monaten in Deutschland, derzeit in einer Asylbewerberunterkunft in Würzburg. «Ich habe versucht, ihn beschäftigt zu halten, bis die Polizei kommt», erzählte Rabiei der Deutschen Presse-Agentur. Videos dieser Szenen zeigen, wie der Kurde sich dem Somalier immer wieder entgegenstellt und mit einem Rucksack abwehrt.

Auch Dietrich Winter und zwei Freunde, die er nach eigener Aussage seit Kindesbeinen kennt, haben eingegriffen: «Stühle, Flaschen - wir haben alles versucht. Das hat ihn aber nicht abgelenkt», sagte der 21-Jährige der dpa. «Ich habe es als meine Aufgabe empfunden, alle Leute zu warnen und möglichst schnell weg von hier zu bringen.» 

Was den Migranten antrieb, mit äußerster Brutalität auf seine Opfer einzustechen - darüber wird weiter viel spekuliert. Die in der Würzburger Obdachlosenunterkunft des Täters gefundenen Gegenstände werden derzeit von Islamwissenschaftlern bewertet. «Aber wir sind bei Weitem noch nicht so weit, dass wir sagen können, wir haben es ausgewertet», sagte ein Sprecher des Landeskriminalamtes (LKA) in München. Zu den Funden zählen auch zwei Handys. «Wir gehen davon aus, dass sie ihm gehören.» Welche weiteren Gegenstände nun untersucht und bewertet werden, sagte er nicht.

Indessen wurde bekannt, dass gegen den Mann bereits einmal wegen gefährlicher Körperverletzung ermittelt wurden: Zwischen 2015 und 2019 lebte er in Sachsen und geriet dort ins Visier der Staatsanwaltschaft Chemnitz. Grund dafür war eine körperliche Auseinandersetzung in einer Asylunterkunft. Die Ermittlungen waren dann eingestellt worden. Zuerst hatte «Die Welt» über den Fall in Sachsen berichtet.

Womöglich war der Täter geistig verwirrt oder ist psychisch krank, wie Ermittler seit der Attacke immer wieder zu bedenken geben. Es wird aber auch geprüft, ob islamistische Einstellungen zur Tat beigetragen haben könnten. Landesinnenminister Joachim Herrmann (CSU): «Es spricht sehr viel angesichts dessen, was wir aufgefunden haben, dafür, dass es sich um eine islamistisch motivierte Tat handeln könnte», sagte der CSU-Politiker am Sonntagabend im «Bild live»-Talk «Die richtigen Fragen».

Amoklauf eines psychisch Kranken oder Terrorismus? Auch in anderen Fällen ließ sich das kaum scharf trennen. Im August 2020 rammte ein Iraker auf der Berliner Stadtautobahn gezielt Autos und Motorräder und verletzte sechs Menschen. Seine Motive waren laut Staatsanwaltschaft «wahnhaft religiös und islamistisch geprägt». Ihm droht die Einweisung in eine psychiatrische Klinik.

Psychisch krank war auch der Attentäter von Hanau, der im Februar 2020 neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschoss. Einem posthum erstellten Gutachten zufolge waren nicht nur rechtsradikale Ansichten, sondern auch Wahnvorstellungen Auslöser für den Anschlag.

Von seelischen Problemen war zunächst auch die Rede, nachdem ein Palästinenser 2017 in einem Hamburger Supermarkt einen Kunden erstochen und mehrere verletzt hatte. Der Gutachter erklärte den damals 27-Jährigen, der islamistische Motive hatte, jedoch für voll schuldfähig.

Was die Behörden 2016 in München zunächst als «akute Terrorlage» einstuften, stellte sich als Gewalttat eines psychisch kranken Einzeltäters heraus. Am Olympia-Einkaufszentrum hatte ein 18-jähriger Deutsch-Iraner neun Menschen und sich selbst erschossen. Seine Motive: Mobbing, psychische Probleme und eine rechtsradikale Gesinnung.

Der Anwalt des Messerangreifers von Würzburg rechnet damit, dass die psychische Verfassung seines Mandanten erneut von einem Experten untersucht wird. «Natürlich muss eine neue psychiatrische Untersuchung erfolgen», sagte Rechtsanwalt Hanjo Schrepfer. Der Migrant war schon vor der Tat am Freitag wegen Bedrohung und Beleidigung polizeibekannt, er kam deshalb zeitweise in eine Psychiatrie. Das Verfahren läuft noch, das psychiatrische Gutachten nach einem Vorfall im Januar in seiner Obdachlosenunterkunft steht noch aus.

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