Jubiläum

50 Jahre Ärzte ohne Grenzen: «Kein Grund zu feiern»

50 Jahre Ärzte ohne Grenzen
Auf Lesbos betreiben die Teams von Ärzte ohne Grenzen in der Nähe des Lagers Moria eine stationäre medizinische Einheit für Patienten. Foto: Anna Pantelia/MSF/Médecins Sans Frontières/dpa © Anna Pantelia

Paris (dpa) - Ein Geburtstag ohne glückliches Geburtstagskind: Nur mäßig kann sich Christian Katzer, Geschäftsführer von Ärzte ohne Grenzen in Deutschland, über das 50-jährige Bestehen der Hilfsorganisation freuen.

50 Jahre seien kein Grund zu feiern, sagt Katzer, denn humanitäre Hilfe sei noch immer notwendig. Dennoch sei man stolz auf das, was in den vergangenen Jahren geleistet wurde.

Und diese Liste ist lang. Ob beim Libanonkrieg, dem Völkermord in Ruanda, dem Bosnienkrieg, Naturkatastrophen und Ebola-Ausbrüchen - die Hilfsorganisation war mit ihren Beschäftigten in zahlreichen der großen Notlagen der vergangenen Jahrzehnte vor Ort. Sie ist eine der bedeutendsten Organisationen im Bereich medizinische humanitäre Hilfe. 1999 erhielt die Organisation für ihre «bahnbrechende humanitäre Arbeit» sogar den Friedensnobelpreis.

Groß geworden

Weltweit agiert Ärzte ohne Grenzen mit etwa 64.000 Beschäftigten in 88 Ländern. Auch die medizinische Nichtregierungsorganisation Direct Relief ist in mehr als 80 Ländern unterwegs. Die Internationale Rotkreuz- und Rothalbmondbewegung, die als größte humanitäre Hilfsorganisation gilt, agiert weltweit mit etwa 480.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in 192 Ländern.

Dass Ärzte ohne Grenzen einmal so groß werden würde, war anfangs kaum abzusehen. Am 21. Dezember 1971 schlossen sich Ärzte und Journalisten in Paris zusammen und gründeten Médecins sans frontières (MSF). Einige von ihnen hatten im Biafra-Krieg in Nigeria Hilfe geleistet und waren frustriert, nicht mehr tun zu können. Sie wollten die Nothilfe besser organisieren und mehr Aufmerksamkeit für Notlagen schaffen, nicht mehr zu Einsätzen schweigen. MSF sollte so medizinische Hilfe mit Öffentlichkeitsarbeit vereinen und Sprachrohr sein. Wegen ihres ungewöhnlichen Ansatzes wurden die Freiwilligen von MSF auch als «Rebellen der Nothilfe» bezeichnet, wie Francis Sejersted in ihrer Lobesrede bei der Verleihung des Friedensnobelpreises schilderte.

Berichte machen angreifbar

Doch beides unter einen Hut zu bekommen, stellte sich als schwieriger Spagat heraus, wie Tankred Stöbe, ehemaliges Mitglied im internationalen Vorstand der Organisation, erzählt: «Indem ich was berichte, mache ich mich ja immer auch politisch angreifbar.» Die Auswirkungen von Berichten seien schwer einschätzbar, so etwa im Syrienkrieg beim Thema Giftgasangriffe. «Wir wussten, wenn wir hier von Giftgas sprechen, dann könnte das ein Grund sein für die Amerikaner, in den Konflikt einzusteigen. Gleichwohl hatten wir sehr viel Evidenz, dass es dort zu toxischen Einwirkungen auf Syrer kam, in großen Mengen, in Hunderten von Fällen.» Letztlich alarmierte die Organisation in dem Fall die Öffentlichkeit.

Mit den Jahren änderten sich bei MSF die Umstände der Arbeit. Einst ritten sie heimlich auf Eselskarawanen nach Afghanistan ein, konnten monatelang kaum Zeichen von sich geben. Heute sei das unvorstellbar. Teams seien regelmäßig erreichbar, und man könne innerhalb von Stunden in alle Winkel dieser Welt kommen, erzählt Stöbe, der selbst in etlichen MSF-Einsätzen war. Und diese schnelle Hilfe sei nötig. «Wenn ich nach einem Tsunami erst Wochen später in Asien bin, dann bringt das nichts mehr, weil die Menschen dann tot sind und auch die Verletzten nicht mehr gerettet werden können.»

Gleichzeitig hat sich auch das Einsatzgebiet von MSF verändert. «Die Hilfe, die wir anbieten, die ist eben nicht mehr nur in exotischen Kontexten, sondern wir sehen - und das hätten wir, glaube ich, vor 50 Jahren auch nicht für möglich gehalten - auch in Europa müssen wir helfen», sagt Stöbe. An der polnischen Grenze etwa, wo Menschen erfrören, auf griechischen Inseln und im Mittelmeer. Flucht und Vertreibung sei eine der zunehmend globalen Krisen.

Corona-Pandemie als Herausforderung

Eine weitere solche Krise ist die Corona-Pandemie, die auch logistisch eine riesige Herausforderung für die Organisation war, etwa weil Flugverbindungen gestoppt wurden und neben Grundproblemen in ärmeren Ländern wie Tuberkulose und Malaria nun das Coronavirus hinzukam. MSF baute seine Projekte aus und um und versuchte, Corona neben diesen Problemen mit anzugehen. Schwierig war das auch deshalb, weil häufig Aufklärung fehlte, aber auch Ressourcen wie Sauerstoff und nicht zuletzt - in zahlreichen armen Ländern - Impfstoffdosen.

Mit Blick auf die Zukunft ist es vor allem die Klimakrise, die MSF umtreibt. Und weil diese «Katastrophen mit Ansage» vorhersehbar seien, verändere dies erneut die Arbeit der NGO: «Wirbelstürme, Überschwemmungen - das sind alles vorgezeichnete Entwicklungen, auf die wir uns vorbereiten müssen», sagt Stöbe. «Und das ist neu, dass wir tatsächlich nicht nur reaktiv, sondern strategisch nach vorne planen müssen.»

Noch weiter nach vorne gedacht hat Stöbe einen ungewöhnlichen Wunsch: 2071 kein 100. Jubiläum feiern zu müssen.

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