Tote und Verletzte

Messerangriff in Würzburg - Auf der Suche nach dem Motiv

Messerattacke
Ein Mann entzündet vor einem geschlossenen und abgesperrten Kaufhaus in der Innenstadt eine Kerze. Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa © Karl-Josef Hildenbrand

Würzburg (dpa) - Am Tag nach der tödlichen Messerattacke von Würzburg sind die Ermittler bei der Suche nach einem Motiv noch nicht endgültig fündig geworden.

Unklar sei, inwiefern die Psyche des 24 Jahre alten Somaliers eine Rolle gespielt habe und inwiefern islamistische Einstellungen zur Tat beigetragen hätten, sagte Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) am Samstag in Würzburg. Die Beamten gingen weiter davon aus, dass es sich um einen Einzeltäter handelt. Der Somalier wurde nach dem Verbrechen, das sich in einem Kaufhaus, einer Bank und auf der Straße abgespielt hatte, von der Polizei angeschossen und festgenommen.

Amoklage

Das bayerische Landeskriminalamt übernahm in Zusammenarbeit mit der Generalstaatsanwaltschaft München die Ermittlungen zu den Hintergründen von den lokalen Behörden. Die Übergabe an die übergeordneten Behörden erfolge, weil es sich um eine «Amoklage» gehandelt habe, erklärte Würzburgs Leitender Oberstaatsanwalt Frank Gosselke.

Bei dem Angriff am Freitagnachmittag in der Innenstadt hatte der Mann drei Frauen in einem Kaufhaus getötet. Auf der Straße und in einer Bank verletzte er danach sechs weitere Frauen schwer und einen männlichen Jugendlichen leicht. Eine Frau befand sich auch am Samstag noch in Lebensgefahr. Der Somalier hatte nach Darstellung der Polizei offenbar grundlos auf die ihm unbekannten Menschen eingestochen.

Bei den Opfern handelt es sich fast ausschließlich um Frauen. Ob der Verdächtige bewusst Frauen ausgewählt hat, ist der Polizei zufolge noch nicht bekannt. Nach gegenwärtigem Ermittlungsstand könne es sich auch um einen Zufall handeln.

Hassbotschaften gefunden

Ermittler fanden in dem Obdachlosenheim, in dem der mutmaßliche Angreifer zuletzt lebte, Hassbotschaften. Das sagte der Leitende Kriminaldirektor Armin Kühnert. Das Material sei sichergestellt, aber noch nicht ausgewertet worden. Auch Nachrichten auf einem entdeckten Handy müssten noch untersucht werden, was wegen der dabei genutzten Fremdsprache etwas dauere.

Der 24-Jährige war schon vor der Tat polizeibekannt. Er soll im Januar bei einem Streit in einer Obdachlosenunterkunft zu einem Messer gegriffen und es bedrohlich in der Hand gehalten haben, wie Wolfgang Gründler von der Generalstaatsanwaltschaft Bamberg sagte. Worum es bei der Auseinandersetzung mit Mitbewohnern und Verwaltern ging, sagte er nicht. Verletzt worden sei niemand.

Die Polizei leitete aber ein Ermittlungsverfahren wegen Bedrohung und Beleidigung ein, der Somalier kam zunächst vorübergehend in eine Psychiatrie. Das Verfahren laufe weiter, ein psychiatrisches Gutachten steht demnach noch aus.

Im Juni soll der 24-Jährige zudem einen Verkehrsteilnehmer in der Würzburger Innenstadt belästigt haben. «Da hat der Beschuldigte ein verstörtes Verhalten mit psychischen Auffälligkeiten gezeigt», sagte Gründler. Der Mann sei erneut in eine Psychiatrie gekommen, aber nach einem Tag wegen fehlenden Behandlungsbedarfes entlassen worden.

Seit 2015 in Deutschland

Der Mann aus dem Bürgerkriegsland Somalia sei am 6. Mai 2015 nach Deutschland eingereist, erläuterte Unterfrankens Polizeipräsident Gerhard Kallert. Seit dem 4. September 2019 war der Asylbewerber in Würzburg erfasst und erhielt später subsidiären Schutz - er hält sich also legal in Deutschland auf.

Auf Weisung des Amtsgerichts Würzburg sitzt der Verdächtige mittlerweile in Untersuchungshaft - wegen dreifachen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung in sechs weiteren Fällen und vorsätzlicher Körperverletzung in einem weiteren Fall.

Der Pflichtverteidiger des Somaliers, Hanjo Schrepfer, sagte, sein Mandant sei trotz einer Beinschussverletzung als haftfähig eingestuft worden. Nach Gesprächen mit dem 24-Jährigen könne er bisher kein islamistisches Motiv erkennen. «Offiziell hat er sich noch nicht zur Sache eingelassen», sagte Schrepfer.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) bezeichnete die Bluttat als Amoklauf. Aus Sicherheitskreisen hieß es, der junge Mann habe bei seiner Vernehmung eine Äußerung gemacht, die auf religiösen Fanatismus schließen lasse. Hinweise auf Kontakte zu militanten Salafisten gibt es dem Vernehmen nach bisher jedoch nicht. «Ich bin von dieser unfassbar brutalen Tat tief erschüttert», sagte Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU).

Trauer und Entsetzen

Söder kündigte für Bayern Trauerbeflaggung an. «Die Ereignisse sind unfassbar und schockierend», sagte er in Nürnberg. Bayern trauere um die Opfer. «Wir bangen, beten und hoffen mit den Verletzten und den Angehörigen.» Besonders dankte Söder den Bürgern, die am Freitag versucht hätten, den Täter zu stellen und in Schach zu halten: «Das war ein ganz beeindruckendes Engagement.»

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier äußerte sich «erschüttert» über die Ereignisse. «Der Täter hat mit äußerster Brutalität gehandelt. Für diese menschenverachtende Tat wird er durch den Rechtsstaat zur Verantwortung gezogen.» Zudem drückten Vertreter verschiedener Parteien vor allem per Twitter ihr Mitgefühl aus.

In der Universitätsstadt Würzburg herrschte auch am Tag danach Entsetzen. Menschen stellten in der Nähe des Tatorts brennende Kerzen in Gedenken an die Opfer auf. In den Blickpunkt gerieten auch die couragierten Bürger, die sich dem Angreifer in den Weg stellten. Dank kam unter anderem von vielen Politikern, die offensichtlich die kurzen Videoclips in sozialen Netzwerken gesehen hatten, in den Passanten den Somalier attackierten.

Die Tat erinnert an einen islamistischen Anschlag vor knapp fünf Jahren in Würzburg. Am 18. Juli 2016 waren in einem Zug vier Menschen schwer verletzt worden. Ein 17-jähriger afghanischer Flüchtling hatte mit einer Axt und einem Messer in einem Regionalzug auf dem Weg nach Würzburg die Reisenden angegriffen. Anschließend flüchtete er zu Fuß, attackierte eine Spaziergängerin und wurde schließlich von Polizisten erschossen.

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