Prozess

«Milliarden-Mike» und Polizistin gestehen Bestechung

Richterin
Nach Angaben der Vorsitzenden Richterin Ulrike Schönfelder hat «Milliarden-Mike» bereits 28 Jahre seines Lebens hinter Gittern verbracht. Foto: Marcus Brandt/dpa Pool/dpa © Marcus Brandt

Hamburg (dpa) - Kleinere finanzielle Zuwendungen von einem notorischen Betrüger namens «Milliarden-Mike» kommen eine Berliner Polizistin teuer zu stehen.

Das Landgericht Hamburg verurteilte die 45-Jährige am Montag wegen Bestechlichkeit zu anderthalb Jahren Haft auf Bewährung. Nach Überzeugung der Strafkammer gab die Angeklagte dem Kriminellen in neun Fällen Auskünfte aus dem Polizeicomputer und kassierte dafür 500 Euro. Es sei unbegreiflich, dass sich die inzwischen aus dem Polizeidienst ausgeschiedene Beamtin mit dem Betrüger eingelassen habe, sagte die Vorsitzende Richterin Ulrike Schönfelder am Montag (Az: 619 KLs 15/20).

Der 65-jährige Mitangeklagte sitzt bereits wegen Betrugs in Berlin in Haft. Das Landgericht Hamburg hatte ihn Ende 2019 zu einer Strafe von dreieinhalb Jahren verurteilt. Wegen Bestechung kommen nach dem Urteil von Montag nun neun Monate hinzu. Der vielfach vorbestrafte Angeklagte ist Co-Autor des vor acht Jahren erschienenen Buches «Milliarden Mike: Ich hab sie alle abgezockt». Medien haben häufig über sein schillerndes Leben berichtet.

Beide Angeklagten gestanden die Vorwürfe. Demnach fragte die Beamtin zwischen Februar 2018 und April 2019 für den Mitangeklagten Daten im polizeilichen Auskunftssystem ab und gab sie an den heute 65-Jährigen weiter. Dabei ging es etwa um die Frage, ob ein Haftbefehl gegen ihn vorlag oder ob der Führerschein seiner Lebensgefährtin gültig sei. Auch Informationen zu einem prominenten Freund wollte «Milliarden-Mike» haben.

Aufgrund ihrer Spielsucht sei sie nach der Geburt ihres zweiten Kindes in einer finanziellen Notlage gewesen, erklärte die 45-Jährige. In ihrer Verzweiflung habe sie über Facebook rund 50 Prominente angeschrieben und um finanzielle Hilfe gebeten. Dann habe sie von dem Mitangeklagten ein Angebot bekommen. «Ich konnte es gar nicht glauben, das war so ein Glücksmoment», sagte die Angeklagte. Auf Nachfrage der Vorsitzenden Richterin räumte sie ein, dass sie schon von der kriminellen Karriere ihres angeblichen Gönners wusste. Dennoch traf sie sich mit dem Mann in einem Berliner Luxushotel. Angeblich versprach er ihr dabei 100 000 Euro. «Ich habe Stolz und Würde an einem Tag verloren», sagte die zierliche Angeklagte mit langen blonden Haaren unter Tränen.

«Millarden-Mike» bekannte in seiner Aussage freimütig: «Dass ich kein Engel bin, das wissen wir alle hier.» Er bestritt auch nicht, dass er die Mitangeklagte betrogen habe: «Ich wollte sie ein bisschen verarschen, mehr war es nicht.»

Doch dann brauchte er doch ab und zu die Daten aus dem Polizeisystem. Er bekomme jeden Tag Geldstrafen, öffne seine Post schon gar nicht mehr, erklärte er. Einmal sei er bei der Rückreise nach Deutschland an der Grenze festgehalten worden, weil ein Haftbefehl vorlag. Er habe die Strafe zwar sogleich bezahlt, aber: «Das war so peinlich!» Eine solche Situation habe er künftig vermeiden wollen. Mehrfach wollte er laut Anklage von «Mäuschen» wissen, «ob er sauber sei». Die Beamtin schaute im Polizeisystem nach und antwortete «Miki».

Nach Angaben der Vorsitzenden Richterin Ulrike Schönfelder hat «Milliarden-Mike» bereits 28 Jahre seines Lebens hinter Gittern verbracht. Seine letzte Geldstrafe habe er auch noch nicht bezahlt. Doch der 65-Jährige weist das entschieden zurück und beteuert, er könne die Zahlung belegen. «Ah, cool», findet das die Richterin. Im Rahmen des Strafverfahrens, das 2019 zur Verurteilung wegen zweier Betrugstaten führte, waren die Ermittler auch auf seine Kontakte zu der Polizistin gestoßen, wie ein Gerichtssprecher erklärte.

Die Beamtin sei auf eine völlig dubiose Geschichte hereingefallen, sagte Schönfelder. Die Angeklagte habe geglaubt, für ein Treffen in einem Hotelzimmer 100.000 Euro zu bekommen. Dann habe sie für «läppische 500 Euro» ihre gesamte berufliche Existenz aufs Spiel gesetzt. Es sei richtig, dass sie von sich aus den Polizeidienst gekündigt habe. «Polizeibeamte wie Sie können wir in unserem Staat nicht brachen», sagte die Richterin. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig.

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