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NDR-Vorwürfe: Landesfunkhausdirektor vorübergehend im Urlaub

NDR Landesfunkhaus Schleswig-Holstein
Seit Tagen kommen immer mehr Vorwürfe gegen redaktionell Verantwortliche im Landesfunkhaus Schleswig-Holstein in Kiel ans Licht. © Axel Heimken

Kiel (dpa) - Die Vorwürfe gegen redaktionelle Führungskräfte des Norddeutschen Rundfunks (NDR) in Kiel haben weitere personelle Konsequenzen. Der Landesfunkhausdirektor Volker Thormählen nimmt für einen Monat unbezahlten Urlaub. NDR-Intendant Joachim Knuth teilte am Donnerstag mit: Thormählen habe ihn am Mittwochabend darum gebeten, «um Abstand zu gewinnen, und um im Sinne des NDR sicherzustellen, dass der Aufklärungsprozess von Personen verantwortet werden kann, die nicht persönlich betroffen sind».

Der Intendant sagte weiter: «Ich danke ihm für dieses Angebot und habe es angenommen. In den vergangenen Tagen wurde für mich sehr deutlich, dass im Landesfunkhaus in Kiel nicht nur aufgeklärt werden muss, sondern auch Dinge geändert werden müssen.» Man stoße für die Gestaltung der Zukunft nun einen Prozess an, um künftig ein «Klima des Muts» zu etablieren.

Berichterstattung beeinflusst?

Seit Tagen kommen immer mehr Vorwürfe gegen redaktionelle Verantwortliche in Kiel ans Licht. Im Kern geht es um die Frage, ob diese die Berichterstattung von Kollegen gezielt beeinflusst haben könnten. Die Rede war auch von einem politischen Filter. Die NDR-Mitarbeiter fordern lückenlose Aufklärung. In einer wohl beispiellosen Aktion strahlte am Mittwochabend das NDR Fernsehen im «Schleswig-Holstein Magazin» einen Protest von Sendermitarbeitern aus.

Landesfunkhauschef Thormählen teilte am Donnerstag zu seinem vorübergehenden Urlaub mit: «Mit diesem Schritt möchte ich dazu beitragen, dass unter größtmöglicher Beteiligung der Kolleginnen und Kollegen sowie mit externer Hilfe und Unterstützung der von mir initiierte Prozess beginnen kann, ohne dass der Eindruck entsteht, ich könnte darauf Einfluss nehmen.» Seine Stellvertreterin Bettina Freitag übernimmt solange die Geschäfte.

In dem öffentlich-rechtlichen ARD-Haus rumort es seit Tagen, Mitarbeiter sind verunsichert, es gibt Krisengespräche. NDR-Intendant Knuth sagte, Bettina Freitag werde ein Team zur Seite gestellt, «das gemeinsam mit ihr und den Kolleginnen und Kollegen vor Ort zielführende Prozesse und Strukturen etablieren wird, welche einen mutigen, unabhängigen Journalismus garantieren». Dieses Team werde an eine Verantwortliche oder einen Verantwortlichen außerhalb des Landesfunkhauses berichten.

Der Norddeutsche Rundfunk (NDR) gehört zu den großen ARD-Häusern in dem Senderverbund nach WDR und SWR. Er hat ein großes Sendegebiet in mehreren nördlichen Bundesländern und mehrere Landesfunkhäuser.

Der Landesrundfunkrat will Vorwürfe prüfen

Bereits am Mittwoch war bekanntgeworden, dass der Chefredakteur am Standort Kiel, Norbert Lorentzen, und die Politik-Verantwortliche Julia Stein darum gebeten hatten, sie bis auf weiteres von ihren bisherigen Aufgaben zu entbinden. Es gilt die Unschuldsvermutung, wie betont wurde.

Ausgangspunkt des Falls waren Medienberichte. Das Online-Medium «Business Insider» und danach der «Stern» hatten geschrieben, dass es eine Art Filter durch die Vorgesetzten in der Redaktion geben könnte. Dabei ging es beispielsweise um ein Interview, das ein NDR-Journalist habe führen wollen, was seine Vorgesetzten aber abgelehnt hätten. Lorentzen und auch der NDR hatten den Vorwurf von politischer Einflussnahme zurückgewiesen.

NDR-Mitarbeiter fordern lückenlose Aufklärung

Der unabhängige Landesrundfunkrat Schleswig-Holstein hat eine Prüfung eingeleitet. NDR-Mitarbeiter forderten in einem Brief an den Landesfunkhausdirektor eine lückenlose Aufklärung. Es gehe um die Reputation des Senders.

Inzwischen kamen weitere Vorwürfe durch einen «Stern»-Bericht auf. Demnach soll Stein darauf hingewirkt haben, dass das Deutsche Rote Kreuz (DRK) Recherche-Unterlagen zu einem damals noch geplanten Beitrag über ein Heim im Norden in den Nachkriegsjahren zu sehen bekommt. In der Einrichtung sollen Kinder drangsaliert worden sein. Der «Stern» berichtet, dass im Senderhaus darauf hingewirkt worden sein soll, dass die Recherchen zumindest abgeschwächt werden. In einem später ausgestrahlten Beitrag soll das DRK als Verantwortlicher des Heims nicht genannt worden sein.

Vom DRK hieß es: «Das Deutsche Rote Kreuz Schleswig-Holstein weist jeglichen Vorwurf der Beeinflussung von journalistischer Berichterstattung entschieden zurück.» Zu keiner Zeit habe es auch nur im Ansatz den Versuch gegeben, eine kritische Berichterstattung zu beeinflussen oder zu verhindern. Man habe selbst auf der eigenen Webseite Informationen über das betroffene Heim zusammengestellt, die für jeden einsehbar seien.

Der «Stern» berichtete in diesem Kontext auch von einer privaten Verbindung. Die DRK-Chefin Schleswig-Holstein soll zu dem Zeitpunkt mit der damaligen Landesrundfunkratsvorsitzenden des NDR in Schleswig-Holstein liiert gewesen sein, hieß es. Aktuell ist diese nicht mehr an der Gremiums-Spitze. Der unabhängige Landesrundfunkrat kontrolliert in dem ARD-Sender die Programmarbeit. Außerdem ging der «Stern»-Beitrag auf den Vertreter von Politik-Chefin Stein ein und berichtete von Fotos, auf denen der Journalist mit seinem Ehemann - einem Politiker - mitten in dessen Wahlkampf für ein Bürgermeisteramt zu sehen war.

Die NDR-Journalistin Stein war von 2015 bis 2021 erste Vorsitzende des Vereins Netzwerk Recherche und ist seit Oktober 2021 kooptiertes Vorstandsmitglied für Internationales, wie der Vorstand des Journalistenverbundes auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur mitteilte. «Angesichts der aktuellen Vorwürfe lässt Julia (Stein) ihre Kooptierung bis zur Klärung der Situation ruhen.» Zudem hieß es: «Das Netzwerk Recherche erwartet vom NDR, dass die Vorwürfe der vergangenen Tage transparent und umfassend aufgeklärt werden. Investigative Recherche ist ein Kern des öffentlich-rechtlichen Programmauftrages.» Auch Gewerkschafter forderten eine lückenlose Aufklärung.