Staatsakt

«Niemand wird vergessen»: Solidarität mit Flutopfern

Frank-Walter Steinmeier
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier spricht beim Staatsakt des Landes Rheinland-Pfalz zum Gedenken der Opfer der Flutkatastrophe in der Ring-Arena am Nürburgring. Foto: Thomas Frey/dpa © Thomas Frey

Nürburg (dpa) - In einer gedämpft beleuchteten Halle am Nürburgring sitzen etliche hundert Menschen still in dunkler Kleidung: Mit emotionalen Worten wenden sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und die rheinland-pfälzische Regierungschefin Malu Dreyer (SPD) an die Opfer der Flutkatastrophe.

«Wir wissen, dass in Ihrem Leben nichts mehr ist, wie es war», sagt das Staatsoberhaupt bei dem Staatsakt. «Aber Sie sollen wissen: Auf Ihrem Weg zurück ins Leben lässt Sie Ihr Land nicht allein.» Auch Dreyer sichert den Betroffenen Solidarität zu. «Ich weiß, dass die größte Sorge vor Ort jetzt ist, vergessen zu werden, wenn sich die Kameras wieder auf andere Ereignisse richten.» Den Betroffenen sage sie aber: «Niemand wird vergessen!»

Drei Menschen immer noch vermisst

In Rheinland-Pfalz sind bei dem Hochwasser nach extremem Starkregen am 14. und 15. Juli alleine 133 Menschen im besonders betroffenen Ahrtal ums Leben gekommen - und ein Mensch im Bereich des Polizeipräsidiums Trier. Drei Menschen im Ahrtal werden noch vermisst. Am Staatsakt nehmen Angehörige der Toten und Vermissten, Verletzte, Geschädigte, Hilfskräfte und Bürgermeister der Flutorte teil. Zwei Schauspieler verlesen die Vornamen und ersten Buchstaben der Nachnamen aller 134 Toten. Getragene Musik von Blechbläsern rahmt den Staatsakt ein. Am Schluss erklingt die Nationalhymne.

Die Naturkatastrophe habe Rheinland-Pfalz bis ins Mark getroffen, sagt Dreyer. «Die vielen Schicksale gehen mir nicht aus dem Kopf.» Die Betroffenen sollten wissen, dass sie nicht allein sind. «Ganz Rheinland-Pfalz nimmt Anteil an ihrem Leid. Und wir sind in der Trauer verbunden mit unserem Nachbarland Nordrhein-Westfalen, das ebenfalls viele Todesopfer zu beklagen hat. Mit uns trauert ganz Deutschland.»

Steinmeier spricht von «enormem Respekt», dass die Menschen trotz Verzweiflung nicht aufgegeben hätten. «Dass Sie trotzdem anpacken, nach vorne blicken, so unendlich schwer es auch oft fallen mag. Und auch dafür möchte ich Ihnen danken», betont er. Für die Betroffenen sei nichts mehr, wie es war. «Ich möchte Ihnen, den Angehörigen und Hinterbliebenen, heute mein tiefes Beileid und meine Anteilnahme aussprechen. Wir, das ganze Land, trauern mit Ihnen», betont der Bundespräsident vor den vielen Zuhörern, zu denen auch als Vertreterin der Bundesregierung Agrarministerin Julia Klöckner (CDU) sowie der luxemburgische Außenminister Jean Asselborn zählen.

«Gelder müssen zu Ihnen kommen»

Steinmeier mahnt zügige Hilfe an: «Sie brauchen dringend finanzielle Unterstützung, und ich begrüße den umfangreichen Hilfsfonds, den die Bundesregierung auf den Weg gebracht hat.» Die Länder hätten Gleiches getan. «Die Gelder müssen so schnell wie möglich zu Ihnen kommen, zu denen, die diese Hilfe dringend brauchen.» Das Unheil gehe alle an. «Wir alle müssen uns die Frage stellen, was können wir tun, um auf solche Katastrophen, auf solche Extremwetterlagen besser vorbereitet zu sein.»

Dreyer versichert, die Landesregierung werde alles dafür tun, dass «die alte Heimat auch die neue Heimat» sein könne. «Wir wollen zusammen mit den kommunal Verantwortlichen und allen Menschen vor Ort ein Ahrtal mit Zukunft aufbauen. Eines, in dem die Menschen gern und möglichst sicher leben können.» Vermutlich werde nicht alles wie zuvor. «Lassen Sie uns den Wiederaufbau nutzen, um das Tal nachhaltig und zukunftssicher zu entwickeln!»

Die Bürgermeisterin der Verbandsgemeinde Altenahr, Cornelia Weigand (parteilos), nimmt diesen Faden auf: Der klimagerechte Wiederaufbau des Ahrtals könne «ein Modell für die vielen Mittelgebirgsflüsse in Europa werden», sagt sie. Dafür müssten Strategien entwickelt werden, «wie wir zukünftig unter dem Einfluss des Klimawandels weiterhin sicher in Flussregionen leben können».

Ahr ein «brutales Ungeheuer»

Altenahr sei «in der Fläche» am meisten von der Flut betroffen, berichtet Weigand. Wie Tausende andere Anwohner im Flusstal habe auch sie selbst ihr Zuhause verloren. «Die Ahr, früher unsere launige Weggefährtin, ist mit all ihren Zuläufen zu einem Monster geworden, einem brutalen Ungeheuer», ergänzt die Bürgermeisterin. «Aufgetürmt auf unvorstellbare Höhen von über zehn Metern hat sie alles, alles unterspült, überrollt, zerstört. Viele von uns hat sie in den Tod gerissen - ein gewalttätiger, qualvoller Tod.»

Immer wieder gibt es ergreifende Momente bei dem Staatsakt. Etwa bei einem eingespielten Video, in dem ein Mann unter Tränen erzählt, wie er seinen verlorenen Ehering im Schlamm wiedergefunden habe. Wilfried Laufer aus dem Ahrtal berichtet, wie er nach der Flutnacht vergeblich seinen 83-jährigen Vater gesucht habe. Drei Tage später sei dessen Leiche gefunden worden - 25 Kilometer flussabwärts.

Der Nürburgring gilt als Symbol der Solidarität und Hilfe für Flutgeschädigte: Hier sind anfangs die Einsatzkräfte koordiniert und Hallen mit Sachspenden gefüllt worden. Am Mittwoch zeigt sich aber auch die eigentliche Bestimmung der legendären Rennstrecke: Vor Beginn des Staatsaktes rasen noch PS-starke laute Vehikel über den Asphalt.

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