Gesellschaft

Sexuelle Belästigung im Netz: Warum gibt es Penisbilder?

Sexuelle Belästigung im Netz
Das Versenden von Penisbildern ist strafbar, aber oft kommt es nicht zur Anzeige. Foto: Fabian Sommer/dpa © Fabian Sommer

Berlin (dpa) - Nein, es ist keine Gurke, keine Banane und auch keine Aubergine - plötzlich ist in den Direktnachrichten oder im Messenger-Chatverlauf etwas zu sehen, was gerne mit solchen Emojis jugendfrei umschrieben wird, aber besser in der Hose geblieben wäre.

Wie viele Fotos männlicher Genitalien ohne Bitte gesendet werden, ist nicht bekannt, aber viele Frauen kennen das Problem aus dem Internet.

Es geht um Machtausübung

«Die wenigsten Frauen berührt das gar nicht, so was ist ja schon ein sehr, sehr übergriffiges Verhalten», sagt die Psychologin und Kriminologin Sandra Schwark, Expertin für sexualisierte Gewalt. Viele fühlten sich belästigt, seien angeekelt oder beschämt. Wie belastend die Situation sei, habe unter anderem damit zu tun, ob man schon schlimme Vorerfahrungen mit sexualisierter Gewalt hatte. Dann könne der Empfang eines Penis-Bildes auch retraumatisierend sein.

«In vielen Fällen geht es nicht um die Anbahnung von sexuellen Kontakten, sondern es ist wie sexuelle Belästigung auf der Straße ein Zeichen von Machtausübung. So: "Guck mal, ich kann das gerade hier machen, ich kann dich in eine Situation bringen, die für dich unangenehm ist, und es hat für mich im Zweifelsfall überhaupt keine Konsequenzen"», sagt Schwark. Studien zu sexueller Gewalt und Belästigung seien «alle ziemlich deutlich zu dem Ergebnis gekommen, es geht um diesen Machtfaktor, um Machtausübung über eine andere Person».

Die Autorinnen einer bekannten Studie zu «Dickpics» (also Penisbildern) gehen davon aus, dass viele Männer, die Penisbilder versenden, zwar nicht bewusst von Feindseligkeit oder Sexismus motiviert sind, aber diesen mit dem Versenden trotzdem verstärken. 82 Prozent der befragten Männer, die Genital-Bilder unverlangt versendet haben, hofften bei der Untersuchung des Teams um Flora Oswald (2019), die Empfängerin oder den Empfänger damit sexuell zu erregen. Jeder zweite (50 Prozent) gab an, der Empfänger oder die Empfängerin sollte sich durch das Bild selbst attraktiv fühlen. Und etwa gleich viele erhofften sich als Antwort «sexy Bilder» (51 Prozent), wollten den anderen anturnen (53 Prozent) oder so das eigene sexuelle Interesse signalisieren (49 Prozent).

Ein Problem: «Je eher man das Gefühl hat, dass das Verhalten keine negativen Konsequenzen hat, desto eher wird es wiederholt», erklärt Psychotherapeut Jonas Kneer. «Deshalb ist es gut, so etwas strafrechtlich zu verfolgen und deutlich zu machen, dass es übergriffig ist. Klar ist aber: Die Verantwortung liegt immer beim Täter, niemals beim Opfer.» Kneer arbeitet im Präventionsprojekt «I Can Change» (englisch: Ich kann mich ändern) an der Medizinischen Hochschule Hannover mit Menschen, die fürchten, ihre sexuellen Impulse nicht mehr kontrollieren zu können. So sollen Übergriffe im Voraus verhindert werden.

Man kann sich gegen die Bilder wehren

Recht einfach können Betroffene eine Anzeige über die Homepage Dickstinction.com vorbereiten. Dort bekommen sie Tipps, wie man den Vorfall am besten dokumentiert (mit einem Screenshot, der neben dem «Dickpic» auch Datum und Uhrzeit der Nachricht sowie den Namen des Absenders enthält), und werden mit Fragen zum Vorfall durch die Anzeige-Erstellung geführt. Die fertige Anzeige kann ausgedruckt und an die Polizei geschickt oder dort abgegeben werden.

Denn das Versenden von «Dickpics» ist strafbar: «Wer einen pornographischen Inhalt an einen anderen gelangen läßt, ohne von diesem hierzu aufgefordert zu sein, wird mit Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder mit Geldstrafe bestraft», heißt es im Strafgesetzbuch (Paragraf 184). Erschwert werden Ermittlungen aber etwa, wenn der Betroffene den Absender nicht kennt und auch aus dem Profilnamen nicht hervorgeht, um wen es sich handelt, sagt «Dickstinction»-Mitgründer Stefan Bieliauskas.

Bei der Entscheidung, ob man Anzeige erstatten möchte oder nicht und wie man die Situation sonst bewältigen kann, können auch die Frauennotrufe und -beratungsstellen helfen. Kerstin Demuth, die sich beim entsprechenden Bundesverband unter anderem mit digitaler Gewalt beschäftigt, sieht bei Strafverfolgungsbehörden noch Verbesserungspotential: «Teilweise fehlt leider das Wissen zu geschlechtsspezifischen Komponenten von Gewalt, Hierarchie und Machtstrukturen und der Digitalisierung. Wenn zum Beispiel nicht verstanden wird, warum es keine Option ist, das Social-Media-Konto zu schließen oder die E-Mail-Adresse zu löschen.» Für manche Betroffene bildbasierter sexueller Gewalt sei eine Anzeige so eine zusätzliche Belastung.

Damit sich dauerhaft etwas ändert, müsse in der Gesellschaft mehr über Konsens gesprochen werden, über Gewalt und Geschlechterbilder, findet Psychologin Schwark. Auch Psychotherapeut Jonas Kneer sieht Potenzial durch Lernen: «Viele Menschen haben ein schlechtes Gefühl für eigene sexuelle Bedürfnisse und die anderer - das begünstigt sexuelle Grenzüberschreitungen. Es ist wichtig, zu lernen, die Bedürfnisse anderer zu erfragen und ein Gefühl zu entwickeln, wie man sexuell aktiv sein kann und dabei Grenzen wahrt.»

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