VfB Stuttgart

Rückblick 2020: So lief das turbulente Fußball-Jahr des VfB Stuttgart

VfB-Jahresrückblick 2020 final
Wamangitukas Trödeltor, Gomez-Abschied, Derby-Pleite: Impressionen aus dem VfB-Jahr 2020. © Pressefoto Baumann (6) / Benjamin Büttner (1)

Es waren einmal mehr nervenaufreibende und kräftezehrende zwölf Monate für die Fans des VfB Stuttgart. Von der Krisenstimmung in der 2. Liga über den Stillstand in der Corona-Krise bis hin zum Jubel nach dem Aufstieg und dem furiosen Start in die Bundesliga. Für den wilden Ritt in der Achterbahn der Gefühle hat die schwäbische Fangemeinde ganz offensichtlich ein Dauerkarte gebucht. Immerhin: eine Trainerentlassung gab es 2020 nicht. Wir blicken zurück auf ein starkes, aber gewohnt turbulentes Fußball-Jahr des Traditionsvereins aus Bad Cannstatt:

06. Januar: Matarazzo betritt die Bühne

Kopie von VfB-Trainer Pellegrino Matarazzo_0
Neu auf der Stuttgarter Trainerbank: Pellegrino Matarazzo © Danny Galm

Der höfliche Italo-Amerikaner wird im Presseraum an der Mercedesstraße als Nachfolger für den kurz vor Weihnachten entlassenen Tim Walter vorgestellt. Eine Woche zuvor, am 30. Dezember, hatte der VfB die Verpflichtung des damals 42-Jährigen verkündet.

Vor seinem ersten Amt als Cheftrainer war der Fußballlehrer mit italienischer und amerikanischer Staatsbürgerschaft als Co-Trainer unter Julian Nagelsmann und Alfred Schreuder bei der TSG Hoffenheim tätig.

29. Januar: "Emotional und intensiv"- Heimsieg bei Matarazzo-Debüt

Pellegrino Matarazzo startet bei seinem Pflichtspieldebüt mit einem 3:0 gegen den 1. FC Heidenheim. Kapitän Marc Oliver Kempf (31.), Nicolas Gonzalez (75.) und Mario Gomez (86.) treffen für den VfB im Schwaben-Duell mit den Gästen von der Ostalb. 

"Die Truppe folgt dem Plan des Trainers – mit Leidenschaft und viel Hirn", lobt Sportdirektor Sven Mislintat nach dem geglückten Start ins neue Jahr. Seine Premiere vor 52.585 Zuschauern kann Matarazzo voll und ganz genießen: "Persönlich war es ein schönes Erlebnis. Emotional und intensiv." 

09. März: Das letzte Spiel vor dem Lockdown

In Stuttgart wird das letzte Ligaspiel vor dem Lockdown ausgetragen. Zum Heimspiel des VfB gegen Arminia Bielefeld (1:1) strömen an jenem Montagabend 54.302 Fans in die Mercedes-Benz-Arena.

Einen Tag vor der Begegnung hatte Gesundheitsminister Jens Spahn aufgrund der Ausbreitung des Coronavirus die Absage von Großveranstaltungen mit über 1000 Besuchern empfohlen. Doch das Zweitliga-Spitzenspiel wurde nicht vor leeren Rängen ausgetragen.

Eine Entscheidung, die anschließend zu Diskussionen führt: Hat das Flutlichtspiel vor tausenden Fans die Ausbreitung des Virus beschleunigt?

11. März: Großveranstaltungen werden verboten

Die Landesregierung in Stuttgart gibt bekannt, dass sie Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Menschen verbietet. Das hat auch für den Spitzensport gravierende Folgen. So fallen unter anderem die Stuttgarter Tennis-Turniere für die Damen im April und für die Herren im Juni aus.

13. März: Der Spielbetrieb wird eingestellt

Die Deutsche Fußball Liga stellt den Spielbetrieb in der Bundesliga und der 2. Liga wegen der Coronavirus-Pandemie vorerst ein. Weitergespielt wird erst Mitte Mai.

23. März: VfB-Fans starten Hilfsaktion

Auch die Fans des VfB leisten ihren Beitrag zur Bewältigung der Corona-Krise: Um die Infektionsgefahr für Risikogruppen zu minimieren, starten die Ultras vom „Schwabensturm 02“ eine Einkaufshilfe.

Rund 500 Einkaufstouren erledigen die Anhänger während des ersten Lockdowns. Auch ein Spendenkonto wird eingerichtet, das sich durch den Verkauf von T-Shirts und Geldspenden füllt. Die Spenden - insgesamt 10.791 Euro - gehen allesamt an Jugendabteilungen und kleinere Vereine aus der Region.

16. Mai: Re-Start nach Corona-Pause

Die Fußball-Bundesliga und die 2. Liga starten nach ihrer Corona-Pause wieder. Alle Partien finden vorerst ohne Zuschauer statt. Der VfB Stuttgart verliert zum Re-Start beim SV Wehen Wiesbaden.

Für Wirbel sorgt ein strittiger Hand-Elfmeter, den Phillip Tietz in der 97. Minute zum 2:1-Siegtreffer für den Aufsteiger verwandelt. Zuvor hatte Schiedsrichter Stegemann minutenlang die Videobilder gecheckt ("Da erkenne ich gar nix").

Letztlich räumt sogar der DFB eine Fehlentscheidung ein. Der vom VfB eingelegte Einspruch gegen die Spielwertung wird allerdings zurückgewiesen.

27. Mai/28. Mai: Vertragsverlängerung mit Matarazzo und Sieg im Spitzenspiel gegen den HSV

Der VfB verlängert den Vertrag mit Trainer Pellegrino Matarazzo vorzeitig bis 2022, obwohl die Mannschaft nach dem 2:3 bei Holstein Kiel den Aufstieg zu verspielen droht. Im Zweitliga-Topspiel gegen den Hamburger SV sieht es nach der ersten Halbzeit so aus, als würden die Schwaben den Bundesliga-Aufstieg tatsächlich verspielen.

Doch nach der Pause dreht der VfB den 0:2-Rückstand in einen Sieg. Kapitän Gonzalo Castro trifft in der Nachspielzeit zum 3:2 und die Stuttgarter sind sechs Spieltage vor dem Saisonende wieder Tabellenzweiter. In der Rückschau erweist sich das Comeback gegen den HSV als der womöglich wichtigste VfB-Sieg des Jahres.

14. Juni: Derbypleite gegen den KSC

Auf das turbulente HSV-Spiel folgt die schmerzlichste Niederlage der letzten Jahre: Im Karlsruher Wildparkstadion verliert der VfB mit 1:2. Den direkten Wiederauftieg in die Bundesliga haben die Stuttgarter somit nicht mehr in der eigenen Hand.

Als Tabellendritter geht es für den VfB mit einem Punkt Rückstand auf den Hamburger SV in den Liga-Schlussspurt. In den verbleibenden Partien gegen Sandhausen (H), Nürnberg (A) und Darmstadt (H) darf sich das Team von Trainer Pellegrino Matarazzo keinen Patzer mehr erlauben. Mehr noch. Der VfB muss auf einen Ausrutscher des HSV hoffen.

21. Juni: Kantersieg in Nürnberg, HSV patzt in Heidenheim

Mit einer Torgala beim 6:0 in Nürnberg macht der VfB Stuttgart den Aufstieg praktisch perfekt. Im Parallel-Spiel verliert der HSV in letzter Sekunge beim 1. FC Heidenheim. Heidenheims Konstantin Kerschbaumer wird zum Matchwinner und lässt somit auch die VfB-Fans jubeln.

Im Netz geht die Szene des Last-Minute-Treffers selbstverständlich steil:

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Am letzten Spieltag eine Woche später kann die Rückkehr in die Fußball-Bundesliga also nur noch theoretisch misslingen.

28. Juni: Aufstiegs-Party und Gomez-Abschied

Der VfB verliert beim Abschied von Mario Gomez mit 1:3 gegen Darmstadt 98, der Aufstieg ist aber trotzdem gesichert. In seinem letzten Spiel für die Schwaben erzielt Mario Gomez einen Treffer. Anschließend verkündet der "Torero" nach 230 Pflichtspielen für den VfB (110 Tore) sein Karriereende.

Nach dem Abffiff gibt er ein emotionales Interview: "Ich bin dankbar für die Zeit beim VfB. Es war immer mein Traum, hier meine Karriere zu beenden. Dass es jetzt so gekommen ist, mit diesem grandiosen Erfolg dieses Jahr, ist umso schöner. Ich hatte schon den einen oder anderen Moment heute mit etwas Pippi in den Augen. Wir haben verloren, das ist ein bisschen doof. Aber am Ende des Tages sind wir aufgestiegen. Das war meine letzte Mission für den VfB, nachdem wir es letztes Jahr verkackt hatten. Es war mein großer Wunsch, damit zu gehen.“  

13. Juli: Top-Stürmer Gonzalez will weg

"Es war eine großartige Geschichte in Deutschland. Aber jetzt habe ich mich entschieden: Ich will weg, ich will eine Luftveränderung. Ich will Stuttgart verlassen." Mit diesen Worten verschreckt Top-Stürmer Nicolas Gonzalez die VfB-Fans mächtig.

Den ganzen Sommer über halten sich die Wechsel-Gerüchte rund um den Argentinier. Wirklich konkret wird es allerdings zu keinem Zeitpunkt. Letztlich bleibt der junge Angreifer beim VfB und verlängert im Spätjahr sogar seinen Vertrag.

29. August: Der neue Kapitän

Kopie (2) von Gonzalo Castro
Erfahrener Kapitän: Gonzalo Castro. © Danny Galm

Die Vorbereitungen für die kommende Saison um Oberhaus laufen auf Hochtouren und das einwöchige Trainingslager in Kitzbühel neigt sich dem Ende entgegen. Zum Abschluss der Woche in Österreich gibt Trainer Matarazzo bekannt, dass künftig der erfahrene Gonzalo Castro die Mannschaft als Kapitän aufs Feld führen wird.

19. September: Bundesliga-Auftakt gegen Freiburg

Der VfB startet nach dem Aufstieg mit einer 2:3-Niederlage gegen den Landesrivalen SC Freiburg in die Bundesliga-Saison. Im Stadion sitzen unter strengen Hygiene-Maßnahmen 8000 Zuschauer.

26. September: Erster Bundesliga-Sieg

Mit einem furiosen 4:1 gegen ein komplett überfordertes Mainz 05 feiert der VfB seinen ersten Sieg nach der Bundesliga-Rückkehr.

28. September: Die Daten-Affäre wird publik

Laut einem Kicker-Bericht sollen Mitarbeiter des VfB Stuttgart im Vorfeld der Mitgliederversammlung im Sommer 2017 wiederholt Mitgliederdaten an Dritte weitergegeben haben. Zwei Tage später äußert sich Club-Präsident Claus Vogt "überrascht und bestürzt" zu der Daten-Affäre. Mittlerweile hat eine Berliner Kanzlei die Ermittlungsarbeit übernommen. Mit Ergebnissen wird aber erst im Frühjahr 2021 gerechnet. 

2. November: Die Rückkehr der Geisterspiele

Nachdem die Politik einen Teil-Lockdown für den gesamten November beschlossen hat, kehren in den Stadien und Hallen des Profisports die Geisterspiele zurück. Auch im Amateursport hat die Entscheidung gravierende Folgen: So beschließt etwa der Fußball im Land eine Unterbrechung der Saison.

06. Dezember: Wirbel um Wamangitukas Trödeltor

Der VfB gewinnt sein Auswärtsspiel beim SV Werder Bremen mit 2:1, doch das beherrschende Thema ist anschließend der zweite Treffer von Silas Wamangituka in der Schlussphase, bei dem er sich frei vor dem leeren Tor aufreizend viel Zeit gelassen hatte, bevor er den Ball über die Linie schob.

Rückendeckung gibt's von Sportdirektor Mislintat: "Wir können mal die Kirche im Dorf lassen. Er hat das Ding nicht viermal hoch gehalten, keinen Fallrückzieher auf der Linie gemacht, keinen Moonwalk gemacht oder sonst was. Aus der Nummer wird viel zu viel gemacht."

12. Dezember: Fabelsieg gegen den BVB

Die Fachwelt staunt und ist begeistert: Die junge Mannschaft des VfB Stuttgart gewinnt mit 5:1 bei Vizemeister Borussia Dortmund. Und das in der Höhe verdient.

Der wohl größte Moment seit dem Wiederaufstieg des VfB versetzt Thomas Hitzlsperger in Hochstimmung. "Ich könnt Konfetti kotzen, so happy bin ich über das, was ich gerade sehen durfte", kommentiert der Vorstandschef der Schwaben nur wenige Minuten nach dem Spiel via Twitter.

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17. Dezember: Vertragsverlängerung mit Sven Mislintat

Sportdirektor Sven Mislintat verlängert seinen Vertrag beim VfB Stuttgart vorzeitig bis 2023. Mislintats ursprünglicher Vertrag wäre im nächsten Sommer ausgelaufen.

„Er hat die Umstrukturierung des Kaders mit großer Motivation und Beharrlichkeit vorangetrieben und dabei neben seinem großartigen Fachwissen auch Mut und Weitsicht bewiesen“, lobt Vorstandschef Thomas Hitzlsperger.

Mislintat arbeitet seit April 2019 als Sportdirektor für die Schwaben. Kurz darauf folgte der Abstieg in die 2. Liga, nun zählt der VfB auch dank zahlreicher von Mislintat verpflichteter Talente zu den positiven Überraschungen der noch jungen Bundesliga-Saison.

23. Dezember: Krönender Jahresabschluss

Durch einen 1:0-Sieg gegen den SC Freiburg zieht der VfB Stuttgart in das Achtelfinale des DFB-Pokals ein und krönt somit sein starkes, aber gewohnt turbulentes Fußball-Jahr 2020. Trainer Matarazzo strahlt nach dem Abpfiff wie ein kleiner Junge vor der Bescherung: "Wir sind auf einem sehr guten Weg. Wir wachsen mit jedem Erfolg. Ich freue mich auf mehr." 

30. Dezember: Vom Unbekannten zur Überraschung - ein Jahr Matarazzo beim VfB

Was öffentlich zunächst skeptisch beäugt wurde, hat sich mittlerweile zur Erfolgsgeschichte entwickelt. Sven Mislintat fühlt sich in seiner Auswahl bestätigt und für sein eingegangenes Risiko belohnt.

"Ein absoluter Glücksfall“ sei Matarazzo für den VfB. Er lobte den 43 Jahre alten Trainer der Schwaben für seine Art der Zusammenarbeit, sein Fachwissen und seine Sozialkompetenz. "Das sollte reichen", so Mislintat zum Abschluss seiner Lobeshymne auf Matarazzo: "Sonst trinkt er über Silvester zu viel."