Rems-Murr-Kreis

Ältere Geimpfte erkranken häufiger an Corona: Impfdurchbruchrate steigt

Altenheim
Laut RKI sind 13 Prozent der ab 60-Jährigen nicht geimpft. © ALEXANDRA PALMIZI

Ungeimpfte seien „Treiber der Pandemie“ und auf den Intensivstationen lägen „fast ausnahmslos“ nicht Geimpfte mit schwerem Verlauf: Diese Thesen hat der baden-württembergische Gesundheitsminister Manne Lucha diese Woche anlässlich des Beginns der Warnstufe im Land vertreten.

Ein Blick in die jüngsten Berichte des Robert-Koch-Instituts (RKI) sowie Nachfragen bei den Rems-Murr-Kliniken und beim RKI ergeben ein differenzierteres Bild:

  • An den Rems-Murr-Kliniken sind laut Sprecher Christoph Schmale etwa zwei Drittel der stationären und symptomatischen Corona-Patienten ungeimpft. Umkehrschluss: Ein Drittel dieser Patientengruppe ist geimpft – und dennoch erkrankt.
  • In der Altersgruppe der ab 60-Jährigen wächst der Anteil der Impfdurchbrüche momentan enorm: Laut Robert-Koch-Institut handelte es sich in den Kalenderwochen 40 bis 43 bei 60,5 Prozent der an Covid-19-Erkrankten in dieser Altersgruppe um „wahrscheinliche Impfdurchbrüche“, sprich, diese Personen sind erkrankt, obwohl sie vollständig geimpft sind.
  • Bei mehr als einem Drittel der an Covid-19 erkrankten ab 60-Jährigen, die auf einer Intensivstation behandelt werden müssen, handelt es sich um Impfdurchbrüche (bezogen auf den Zeitraum Kalenderwoche 40 bis 43).

Diese Daten sind nur bedingt aussagekräftig, darauf weist das Robert-Koch-Institut im jüngsten Wochenbericht vom 4. November hin: Die Zahl derer, die trotz Impfung erkrankt sind, dürfte höher liegen. Der Grund: Nur bei 80 Prozent der ans Robert-Koch-Institut gemeldeten Covid-19-Fälle war vermerkt, ob die betreffende Person geimpft ist oder nicht.

Ein Blick auf die Impfeffektivität

Vorsicht vor falschen Schlussfolgerungen: Es war schon immer klar, dass Impfstoffe nicht alle Infektionen verhindern können. „Sie sorgen aber dafür, dass Infektionen deutlich weniger häufig vorkommen und dass schwere Covid-19-Krankheitsverläufe bei Geimpften sehr selten werden“, so das RKI. Falsch wäre zudem, den hohen Anteil der geimpften ab 60-Jährigen an der Zahl der Erkrankten isoliert zu betrachten: Erst in der Zusammenschau mit der Impfquote ergibt sich ein vollständiges Bild. Weil die Zahl der vollständig Geimpften in der Altersgruppe ab 60 stetig angestiegen ist, steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass mehr geimpfte Personen erkranken – weil es mehr geimpfte Personen gibt.

Richtig ist aber auch: Die nach einem komplizierten Verfahren berechnete Impfeffektivität wird in der Altersgruppe der ab 60-Jährigen aktuell schlechter eingeschätzt als noch vor wenigen Wochen. Ende September gab das RKI die geschätzte Impfeffektivität für die Altersgruppe ab 60 Jahren mit 80 Prozent an. Im aktuellsten Bericht ist ein Wert von 73 Prozent genannt. Das dürfte auch damit zusammenhängen, dass die Impfungen Älterer nun schon länger zurückliegen und die Schutzwirkung mit der Zeit nachlässt – bei Älteren wohl mehr als bei Jüngeren. Eine Impfeffektivität von 73 Prozent, das bedeutet konkret: Von 100 Geimpften sind 73 vor einer mit Symptomen verbundenen Covid-19-Erkrankung geschützt. Der Schutzeffekt vor Krankenhausaufenthalt, Behandlung auf einer Intensivstation oder vor Tod liegt höher.

Regeln sind nicht an Altersgruppen gebunden

Ältere haben ein höheres Risiko, einen schweren Verlauf zu erleiden, also ein Bett auf einer Intensivstation zu benötigen, und bei ihnen liegt die Impfdurchbruchrate sehr viel höher als bei Jüngeren. Die Politik leitet daraus bisher keine Schlussfolgerungen ab, die mit besonderen Regeln für verschiedene Altersgruppen verbunden wären.

Unterdessen appelliert das RKI an alle Geimpften, die Symptome einer akuten Atemwegsinfektion haben, zu Hause zu bleiben und sich einem PCR-Test zu unterziehen. Der Grund: Auch Geimpfte können das Virus übertragen, wenngleich in viel geringerem Ausmaß. Vor diesem Hintergrund eine Testpflicht für Geimpfte einzuführen, ist momentan nicht im Gespräch. Unterdessen weist das RKI auf mögliche „Verzerrungen“ hin, die das „möglicherweise unterschiedliche Testverhalten bei Geimpften und Ungeimpften“ mit sich bringen dürfte. Die Einschränkung „möglicherweise“ dürfte als Höflichkeitsfloskel durchgehen: Geimpfte Personen erhalten fast überall Zugang ohne Test, während nicht geimpfte Personen momentan in Baden-Württemberg in vielen Fällen nur mit PCR-Test öffentliche Einrichtungen betreten und an Veranstaltungen teilnehmen können. Das kommt einem Lockdown für nicht Geimpfte gleich, denn ein PCR-Test kostet rund 90 Euro.

Geimpfte mit Symptomen sollten sich testen lassen

Richtig ist freilich auch: Die Anzahl der Impfdurchbrüche ist auch von der Anzahl aktiver Fälle abhängig. Je mehr aktive Fälle es gibt, desto höher die Wahrscheinlichkeit, sich als Geimpfter zu infizieren. Ohne Frage ist der momentane Anstieg der Fallzahlen in erster Linie auf mehr Erkrankungen unter nicht Geimpften zurückzuführen.

Der Anteil geimpfter Personen ist in den vergangenen Wochen kaum noch gestiegen, heißt es im jüngsten Wochenbericht des Robert-Koch-Instituts. Es sei zu befürchten, dass es „zu einer weiteren Zunahme schwerer Erkrankungen und Todesfälle kommen wird und die verfügbaren intensivmedizinischen Behandlungskapazitäten überschritten werden können“, so das RKI. Empfohlen wird, auch bei Veranstaltungen und Treffen unter 3G- und 2G-Bedingungen Masken zu tragen, Mindestabstände einzuhalten und ansonsten Kontakte zu reduzieren.

Ungeimpfte seien „Treiber der Pandemie“ und auf den Intensivstationen lägen „fast ausnahmslos“ nicht Geimpfte mit schwerem Verlauf: Diese Thesen hat der baden-württembergische Gesundheitsminister Manne Lucha diese Woche anlässlich des Beginns der Warnstufe im Land vertreten.

Ein Blick in die jüngsten Berichte des Robert-Koch-Instituts (RKI) sowie Nachfragen bei den Rems-Murr-Kliniken und beim RKI ergeben ein differenzierteres Bild:

An den Rems-Murr-Kliniken sind laut Sprecher
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