Rems-Murr-Kreis

Ältere vereinsamen in viel zu großen Häusern, junge Familien verzweifeln bei der Wohnungssuche: So kann es doch nicht weitergehen

Baukrahn
Bauen - aber wie? © Gabriel Habermann

Wohnungssuche im Großraum Stuttgart strapaziert die Nerven. Hunderte Interessenten für eine unspektakuläre Zwei-Zimmer-Wohnung – nichts Außergewöhnliches. Mieten, die das halbe Einkommen auffressen – nichts Besonderes.

Es fehlen Wohnungen, das ist nun wirklich nichts Neues – die Frage ist nur: Was tun? Noch mehr Klötze auf noch mehr Wiesen platzieren?

Architektenkammer-Präsident Markus Müller kennt bessere Konzepte, „grandiose“ sogar. Sie fußen auf Erkenntnissen von Menschen, die beim Schlagwort „Wohnraum“ ans große Ganze denken: Wie wollen, wie können, wie werden Menschen in Zukunft leben?

Aufs Thema Wohnungsnot wird Urs Abelein, SPD-Bundestagskandidat im Wahlkreis Waiblingen, am laufenden Band angesprochen, weshalb er einen virtuellen Treff initiierte und einen provokanten Titel wählte: „Der Traum von den eigenen vier Wänden: nachhaltig, realisierbar?“

„Wohlstandsproblem“ speziell in Baden-Württemberg

Von „eigenen“ vier Wänden kann man auch dann sprechen, so heißt es bei der Veranstaltung, wenn es sich um eine Mietwohnung handelt: Eine Immobilie erwerben oder gar ein Haus kaufen, das können sich ohnehin nicht mehr viele leisten, zumal die Preise immer weiter steigen. Die Ansprüche allerdings auch, ganz besonders im wohlstandsverwöhnten Baden-Württemberg: Selbst bei gleichbleibenden Einwohnerzahlen „brauchen wir tendenziell mehr Wohnraum“, prophezeit Architekt Markus Müller, und er sagt’s nicht ohne Grund: Ältere bleiben, obwohl die Kinder längst ausgezogen sind, aus vielen Gründen oftmals in ihren Häusern, am Ende gar ganz allein, und Jüngere bevorzugen in großer Zahl ein Leben in einer Single- oder Paar-Wohnung. Folglich liegt die beanspruchte Wohnfläche pro Person im Schnitt ziemlich hoch. Weshalb sich Markus Müller nicht scheut, die Dinge beim Namen zu nennen: Die Wohnungsnot speziell in Baden-Württemberg ist im Grunde nichts anderes als die Folge eines „Wohlstandsproblems“.

Menschen würden sich in vielen Fällen, daran glaubt Markus Müller ganz fest, gern anders entscheiden, an ihre jeweiligen Lebensverhältnisse angepasste Wohnformen nutzen, eine gute Nachbarschaft pflegen – allein, es fehlt an Angeboten. Man hat es versäumt, beklagt Müller, Wohnformen zu schaffen, die attraktiv für Ältere sind, die ihnen alles bieten, was sie in ihrer Lebensphase brauchen. Betreute Seniorenwohnungen sind zuweilen so teuer, dass der Erlös aus dem Verkauf eines Hauses gar nicht ausreicht: „Das hemmt die Mobilität.“

"Wir schätzen sehr die Zusammenarbeit mit Soziologen"

Also sitzen die Alten allein oder zu zweit in ihren viel zu großen Häusern. Ihre Sorgenfalten werden immer tiefer, weil es im direkten Umfeld kein Betreuungsnetzwerk gibt, während gleichzeitig junge Familien ganz andere existenzielle Fragen aufwerfen: Der Job ist befristet, die Miete steigt und der Traum vom eigenen Haus bleibt, was er immer war: ein Traum.

Markus Müller kann während Urs Abeleins Veranstaltung nur kurz anreißen, wie sich die Misere wenden ließe, und er verwendet, während seine Augen sichtbar leuchten, Begriffe wie diese: „optimistisch“, „nachbarschaftliche Solidarität“ oder „vorhandene Ressourcen nutzen“. „Wir schätzen sehr die Zusammenarbeit mit Soziologen“, berichtet Markus Müller, denn sie kennen Antworten auf die Frage, wie Nachbarschaften eigentlich funktionieren. Anhand dieser Erkenntnisse und entlang der Wünsche der Menschen, und zwar der jungen wie der alten, ließen sich Wohnkonzepte umsetzen, mit deren Hilfe sich eine Menge Probleme gleichzeitig vermeiden ließen. Markus Müller verweist auf „grandiose Konzepte“, wie sich nachbarschaftliche Solidarität entfalten könnte, ohne Menschen einzuengen.

Ein Kernpunkt: die Ortsmitten. Im Einzelhandel vollzieht sich ein umwälzender Wandel, und früher oder später veröden noch mehr Zentren, weil es nichts mehr dort gibt und niemand mehr dorthin möchte. „Vermeidet die Donut-Struktur“, das sagt Daniel Born, wohnungspolitischer Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, stets in Gesprächen mit Vertreter/-innen von Kommunen: Ein Donut ist rund, außen dick und innen hohl. Wer will schon eine Stadt haben, die einem Donut gleicht.

Von heute auf morgen geht kein Umdenken vonstatten, doch dass sich Bürger und Bäcker und Gastronominnen und Buchhändlerinnen in Genossenschaften organisieren und ihre Ortszentren gestalten, das muss kein Traum bleiben.

Viel mehr Tempo bei energetischen Sanierungen nötig

Von heute auf morgen gelingt es unterdessen nicht, energetische Sanierungen im ganz großen Ausmaß auf den Weg zu bringen – doch genau das wäre nötig. Bleibt man, was das angeht, beim aktuellen Tempo, ist Klimaneutralität in diesem Feld in 130 Jahren erreicht, rechnet Markus Müller vor und schlussfolgert: „Es wird nicht anders gehen, als dass es eine Sanierungspflicht im Bestand gibt.“ Eine solche wiederum sei über Förderprogramme abzufedern, weil es ja nicht sein kann, findet Müller, dass jene, die klimagerecht handeln, schlechter gestellt werden als andere.

Große Hoffnungen setzt der Architekt in die Internationale Bauausstellung (IBA) 2027: Internationales Know-how zapft man an, denn es geht um nichts weniger als um die Frage: Wie kann man die Transformation von Regionen organisieren? „Wir müssen jetzt die Dinge in die Hand nehmen“, mahnt Müller, und bei ihm klingt das nach Verheißung: Wenn’s gelingt, zuerst Grundprinzipien zu definieren, anhand derer man als Gesellschaft die Themen Bauen und Wohnen angeht, statt derart existenzielle Fragen dem Markt zu überlassen – dann kann was Gutes daraus werden. Zumal, und jetzt läuft Markus Müller erneut zur Hochform auf, „unsere Gesellschaft viel, viel solidarischer ist, als manche Leute glauben“.

Zukunftsgerechte Konzepte entwerfen statt einfach nur bauen

Markus Müller und Daniel Born verstehen sich gut, weil beide das große Ganze im Blick behalten, statt nur vereinzelt an diesem und jenem Detail in der Wohnungspolitik herumzuppeln zu wollen. Als Wohnungsbaupolitiker muss man einen „ganz breiten, diversen Werkzeugkasten aufmachen“, sagt Born, und zu jeder nachhaltigen Wohnraumpolitik gehört aus seiner Sicht ein starker Mieter/-innen-Schutz. Innovative Ideen müssen leichter umsetzbar sein, und überhaupt: Wieso brauchen so viele Leute ein so selten genutztes Gästezimmer? Man sollte intensiver über gemeinsam genutzte Räume in Wohnanlagen reden, findet Born – und die Frage zulassen, ob Einfamilienhäuser fern der Zentren nicht als ziemlich gefährliche Wohnform zu betrachten seien. Was vereinsamte, von Infrastruktur abgeschnittene Ältere vielleicht bestätigen können.

Wohnungssuche im Großraum Stuttgart strapaziert die Nerven. Hunderte Interessenten für eine unspektakuläre Zwei-Zimmer-Wohnung – nichts Außergewöhnliches. Mieten, die das halbe Einkommen auffressen – nichts Besonderes.

Es fehlen Wohnungen, das ist nun wirklich nichts Neues – die Frage ist nur: Was tun? Noch mehr Klötze auf noch mehr Wiesen platzieren?

Architektenkammer-Präsident Markus Müller kennt bessere Konzepte, „grandiose“ sogar. Sie fußen auf Erkenntnissen von Menschen,

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