Rems-Murr-Kreis

Ängste und Sorgen im Rems-Murr-Kreis vor weiteren vier Jahren Trump

KINA - Wie arbeiten Reporter?
Donald Trump vor Anhängern. © Seth Wenig/dpa

Für Jutta Künzel war’s am frühen Mittwochmorgen ein Déjà-vu. Wie vor vier Jahren verfolgte die Waiblingerin im Fernsehen die Auszählung der US-Präsidentschaftswahl. 2016 lebte Jutta Künzel mit ihrer Familie noch in den USA. Zurück in Waiblingen war sie am Mittwoch um halb vier Uhr morgens aufgestanden. Wie damals schwanden auch an diesem Mittwoch Bundesstaat für Bundesstaat die Hoffnungen, dass die Amerikaner für Joe Biden votieren und Donald Trump abwählen mögen. Trump gewann wie vor vier Jahren Florida, Texas, North Carolina...


Die Gesprächspartner dieses Berichts sind übrigens kein Zufall. Wir befragten wie vor vier Jahren den CDU-Bundestagsabgeordneten Joachim Pfeiffer, den IHK-Bezirkskammerpräsident Claus Paal, den Bestsellerautor Marc Friedrich und die frühere Waiblinger SPD-Stadträtin und Friedensaktivistin Jutta Künzel. Neue Stimmen sind der Stihl-Aufsichtsratsvorsitzende Nikolas Stihl und Kärcher-Chef Hartmut Jenner.

„Protektionismus und Populismus sind Gift für Wohlstand und Freiheit“

„Es ist das Worst-Case-Szenario eingetreten: ein vorerst unklarer Wahlausgang mit einer Hängepartie“, erklärte Nikolas Stihl zu den US-Präsidentschaftswahlen, am Mittwoch. Aus Sicht des Vorsitzenden des Beirats und Aufsichtsrates der Stihl-Gruppe verdiene die Wahl wohl wie kaum eine andere in dieser Zeit das Prädikat „historisch“. „Es geht um die Zukunft der Globalisierung, des freien Welthandels und der liberalen Demokratie. Protektionismus und Populismus sind Gift für Wohlstand und Freiheit.“

Nach der Hängepartie müsse nun die Klärung des Wahlergebnisses in geordneten Bahnen verlaufen - nach demokratischen und rechtsstaatlichen Prinzipien, fordert Stihl. „Joe Biden als gewählter Präsident mit einer klaren parlamentarischen Mehrheit wäre nach Auszählung aller Stimmen das Best-Case-Szenario.“ Für Deutschland geht es um die Zukunft des transatlantischen Verhältnisses und einen neuen Aufbruch der Beziehungen in der Handels-, Außen- und Umweltpolitik zwischen Europa und den USA.

„Die USA bleiben Europas wichtigster Verbündeter. Unsere Interessen und Werte teilen wir auch künftig mehr mit den USA als mit China.“ So setze sich Stihl als international tätiges Unternehmen für eine Neuauflage der gescheiterten Verhandlungen über die transatlantische Handels- und Investitionspartnerschaft TTIP ein. „Unabhängig vom endgültigen Ergebnis, hat diese Wahl einmal mehr bewiesen, wie wichtig es ist, dass Europa enger zusammenrückt, seine Interessen bündelt und geschlossen gegenüber den USA vertritt.“

Der aus Waiblingen stammende Bestsellerautor Marc Friedrich („Der größte Raubzug der Geschichte“, „Der größte Crash aller Zeiten“) hat auf einen neuerlichen Wahlsieg von Donald Trump getippt. Aber nicht, weil er Fan von Trump wäre. Schon vor vier Jahren hatte er, damals noch mit seinem Co-Autor Matthias Weik, Trumps Sieg vorhergesagt, weil das abgewirtschaftete Amerika, die Mittel- und Unterschichten Verlierer der Globalisierung sind und ihre Hoffnung auf einen Politiker setzten, der im Gegensatz zu Hillary Clinton „kein Mann des Systems“ war.

Das Ende der demokratischen Debattenkultur

Vor vier Jahren nannte Friedrich Trump noch „eine Chance“. 2020 befürchtet Friedrich, dass Trump nach einem Wahlsieg aus dem Vollen schöpfen könne und ohne Rücksicht seine Agenda durchziehen wird. Politisch brächen die Beziehungen zwischen Europa und dem großen Bruder USA vollends auseinander. Wirtschaftlich sei ein Konjunkturprogramm in astronomischem Ausmaß, „eine Verschuldungsorgie“, zu erwarten, mit der Trump vor allem die Aktienkurse weiter noch oben treiben wolle.

Die größte Gefahr, die von Trump ausgeht, sei jedoch die für die Demokratie. Der US-Präsident werde die gesellschaftlichen Konflikte weiter verschärfen. Schon heute liege die Debattenkultur nicht nur in den USA am Boden. Die Polarisierung, dieses Schwarz-Weiß-Denken verbunden mit Diffamierungen und Etikettierungen, habe schon auf Deutschland abgefärbt.

„Bestenfalls wird es nicht besser... eher schlechter“

Diese Sorge teilt Friedrich mit Claus Paal, dem IHK-Bezirkskammerpräsidenten und Schorndorfer CDU-Landtagsabgeordneten. Auch Paal befürchtet, dass der Grundkonsens der Gesellschaft verloren geht. Trump hat es vorgemacht, Gräben aufzureißen, zu polarisieren und Menschen gegeneinander aufzuhetzen. In den vergangenen Jahren habe er, Paal, es miterlebt, wie schwierig es geworden sei, mit amerikanischen Geschäftspartnern Gespräche über Politik zu führen. Bloß weil er die Steuern gesenkt habe, sei Trump nicht erfolgreich. Sein Motto des „Survival of the fittest“ zerstöre die Grundlagen des friedlichen Zusammenlebens.

Dass sich Trump am Mittwochmorgen unserer Zeit bereits zum Sieger erklärte, bevor alle Stimmen ausgezählt waren, empörte Claus Paal. Mit einem derartigen Verhalten trete er die Demokratie mit Füßen. Mit Blick auf den zu dieser Zeit noch offenen Wahlausgang mit einer Wahrscheinlichkeit, dass Trump tatsächlich die Wahl gewinnt, meinte Paal: „Bestenfalls wird es nicht besser... eher schlechter.“

Eine Woche vor der Wahl 2016 war der CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Joachim Pfeiffer noch in den USA unterwegs gewesen und spürte den Gegenwind, der Hillary Clinton entgegen blies. Es war zu bemerken, dass die Amerikaner in einer komplizierten, globalisierten Welt auf der Suche nach einfachen Lösungen waren. Die bot Trump. Er wurde gewählt. Heuer fehlte Pfeiffer das Gespür für die Stimmung, räumt er ein. Erstmals seit einem Vierteljahrhundert hat Pfeiffer im Coronajahr 2020 keinen Abstecher nach Amerika gemacht.

„Wochenlange Hängepartie“

Die Präsidentschaftswahlen in den USA haben das von vielen befürchtete Szenario gebracht: Es gibt keinen eindeutigen Sieger, sagt Harmut Jenner, Vorsitzender des Vorstands der Alfred Kärcher SE & Co. KG. Alles laufe auf ein denkbar knappes Ergebnis hinaus, das möglicherweise erst vom Supreme Court bestätigt werden muss. „Das birgt politisch und wirtschaftlich enorme Risiken. Es droht eine wochenlange Hängepartie, die schwerwiegende Auswirkungen auf die sowieso schon fragile wirtschaftliche Lage in den USA und die Weltwirtschaft haben wird“.

„Wir müssen nehmen, was kommt“

Pfeiffer gibt zu, dass ihm ein Präsident Joe Biden lieber wäre, als nochmals vier Jahre Trump. Aber: „Wir müssen nehmen, was kommt.“ Das politische Leben sei kein Wunschkonzert. Trump hin oder her. Die USA seien und blieben der engste Verbündete Deutschlands und Europas, sagte Pfeiffer mit Blick auf die Zwei-Prozent-Vereinbarung für den Verteidigungshaushalt.

„Wir alle sind geschockt“, fasste Jutta Künzel vor vier Jahren ihre Eindrücke der Wahlnacht zusammen. Geschockt ist sie dieses Jahr nicht – aber das zu befürchtende Ergebnis nehme sie doch ziemlich mit. Wie damals, habe sie sich innerlich für einen Wahlsieg von Trump gewappnet. Doch das Hoffen und Bangen hat sie wieder an 2016 erinnert, als sie im Kreis von Freunden einfach nicht wahrhaben wollten und konnten, dass Trump in einem Bundesstaat nach dem anderen sich die Wahlmännerstimmen schnappte. Dieses Mal saß Künzel mit ihrer Freundin Katrin Altpeter vor dem Fernseher und verfolgte das Drama, ständig per WhatsApp in Kontakt mit Freunden in den USA.

Eine Ausrede haben die Amerikaner keine mehr

Eine Ausrede, Trump gewählt zu haben, hätten die Amerikaner dieses Jahr nicht mehr. Nämlich die, nicht gewusst zu haben, auf wen sie sich bei Trump als Präsident einlassen. Gründe für seine Attraktivität für viele Amerikaner sieht Jutta Künzel nicht zuletzt in Joe Biden. Er sei eben doch nur ein Kompromisskandidat der Demokraten gewesen und konnte den desolaten Zustand, in dem diese Partei stecke, nicht überdecken. Zudem würden sich viele Trump-Wähler hinter den Republikanern verstecken, die diesen Präsidenten schützen und stützen. Mit Blick auf weitere vier Jahre Trump fallen Künzel zwei Worte ein: „Eine Katastrophe!“

Für Jutta Künzel war’s am frühen Mittwochmorgen ein Déjà-vu. Wie vor vier Jahren verfolgte die Waiblingerin im Fernsehen die Auszählung der US-Präsidentschaftswahl. 2016 lebte Jutta Künzel mit ihrer Familie noch in den USA. Zurück in Waiblingen war sie am Mittwoch um halb vier Uhr morgens aufgestanden. Wie damals schwanden auch an diesem Mittwoch Bundesstaat für Bundesstaat die Hoffnungen, dass die Amerikaner für Joe Biden votieren und Donald Trump abwählen mögen. Trump gewann wie vor vier

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