Rems-Murr-Kreis

Ärzte aus der Winnender Kinderklinik fragen sich: Hat der Lockdown die Babys geschützt?

Muttermilchbank
Die Allerkleinsten im Rems-Murr-Klinikum, die Frühchen, verbringen oft viele ihrer ersten Lebenswochen auf der Intensivstation. © Benjamin Büttner

Es ist ein Phänomen, vor dem Dr. Janaina Johannsen und Dr. Ulrich Bernbeck stehen. Beide sind Kinderärzte und Fachleute für die Allerkleinsten in der Kinderklinik des Rems-Murr-Klinikums Winnenden. Sie haben schon viel gesehen – so was aber noch nie: In den Lockdown-Monaten kamen viel weniger Frühchen zur Welt als sonst.

Der Fakt, dass Babys nicht vorzeitig geboren werden und daher mit aller Kraft, die ihnen gegeben ist, ins Leben starten können, ist natürlich toll. Aber was war los? Ulrich Bernbeck und Janaina Johannsen betrachteten die Situation interessiert bis erstaunt. Und bangten sogar die erste Zeit um die Kinderklinik, vielmehr um den Level 1 ihres Perinatalzentrums. Perinatalzentrum bedeutet schlichtweg, dass in der Kinderklinik Babys von kurz vor bis nach der Geburt behandelt werden können. Level 1 bedeutet, dass die Behandlung in der Klinik auch für die allerkleinsten Frühchen auf höchstem und aktuellstem Stand angeboten werden kann. Die Klinik muss aber, um den Level zu erhalten, auch stets eine bestimmte Anzahl an Frühchen behandeln. Level 1 bedeutet auch – so schrecklich das in Bezug auf Kinder ist – viel Geld.

Die Anzahl der Frühchen: Bislang zwischen 51 und 64 Kindern

Das war in Winnenden bislang kein Problem. Im Jahr 2016 kamen in Winnenden 30 Babys mit einem Geburtsgewicht von unter 1500 Gramm auf die Welt, außerdem 21 Babys mit einem Geburtsgewicht von unter 1250 Gramm. Im Jahr 2017 waren es 37 beziehungsweise 27 Frühchen, 2018 kümmerten sich die Ärzte und Pflegekräfte um 34 beziehungsweise 24 Kleine, in 2019 um 38 Babys unter 1500 Gramm und um 21 Babys unter 1250 Gramm. Das heißt: Die Spanne der Frühchenanzahl lag zwischen 51 und 64 Kindern.

Und dann kam 2020. Das Jahr ging ganz normal los. Doch ungefähr ab April oder Mai und bis in den Juli hinein, erinnert sich Janaina Johannsen, herrschte plötzlich Ruhe in Sachen Frühchen-Alarm. Bis Juli, zählt Ulrich Bernbeck, waren 11 Kinder mit einem Geburtsgewicht von unter 1500 Gramm entbunden worden, außerdem sechs Kinder mit weniger als 1250 Gramm. Das wären aufs Jahr hochgerechnet, sagt Bernbeck, dann insgesamt nur 29 bis 30 Frühchen gewesen. Viel weniger als sonst.

Ab August schrillten die Warnglocken wieder

Ab August war das Wunder vorbei – die Alarmglocken schrillten wieder. Allein in den zwei Monaten August und September kamen insgesamt 19 Frühchen zur Welt.

Der Rems-Murr-Kreis ist mit diesem Phänomen nicht allein. So langsam sammeln sich die Artikel über das Corona-Wunder in den medizinischen Fachzeitschriften und auch in Tageszeitungen zu einem kleinen Stapel an. Die New York Times beispielsweise zitiert Ärzte, die fragen: „Where are the Preemies?“ – „Wo sind die Frühchen?“. MedRxiv, ein Medium für medizinische Fachveröffentlichungen, berichtet über eine Studie aus Dänemark, in der festgestellt wird: Die Anzahl der extrem Frühgeborenen in Dänemark war während des Lockdowns wesentlich niedriger als die korrespondierende Anzahl in den gleichen Monaten des Vorjahrs. Dasselbe berichtet MedRxiv über Irland.

Im Lockdown hatten die Frauen deutlich weniger Stress

Janaina Johannsen und Ulrich Bernbeck können nur spekulieren: Der Lockdown begann Mitte März. Das öffentliche Leben kam fast vollständig zum Erliegen, die Menschen waren zum Nichtstun verdammt, konnten sich um sich selbst kümmern, weil alles andere nicht möglich oder mit großen Einschränkungen versehen war. „Die Frauen hatten deutlich weniger Stress“, sagt Janaina Johannsen.

Bis Ende Mai waren die Lockdown-Regelungen weitestgehend aufgehoben – es ging langsam aber sicher wieder los. Bei den Schwangeren hielt die Entspannung offenbar noch ein paar Wochen vor. Doch dann – kamen dann Stress, Hektik, Termine, Autofahrten, Freizeit-Vergnügen, das Aufeinandertreffen vieler Menschen inklusive der Gefahr, sich irgendwelche Infekte einzufangen wieder voll zum Tragen? Womöglich noch schlimmer als vor der Zeit der Ruhe? Seit Mitte August, sind sich die beiden Ärzte einig, gebe es in Winnenden so viele Frühchen wie nie. Tatsächlich: Rechnet man die Frühchenzahl der Monate August und September aufs Jahr hoch, läge die Klinik bei insgesamt 114 Kindern.

Muss die Gesellschaft die Schwangeren und damit die Babys mehr schützen?

Wenn ihre und Ulrich Bernbecks Überlegungen zutreffen, sagt Janaina Johannsen, sei das „extrem beängstigend“. Denn tatsächlich müsse die Gesellschaft dann darüber nachdenken, ob man Frauen in der Schwangerschaft von der Arbeit freistellen sollte. Würde es, wenn die Frauen die Füße hochlegen, womöglich keine, zumindest aber viel weniger Frühchen geben? Könnten wir, genehmigten und finanzierten wir Schwangeren Ruhe, unsere Babys weiter schützen?

Es ist ein Phänomen, vor dem Dr. Janaina Johannsen und Dr. Ulrich Bernbeck stehen. Beide sind Kinderärzte und Fachleute für die Allerkleinsten in der Kinderklinik des Rems-Murr-Klinikums Winnenden. Sie haben schon viel gesehen – so was aber noch nie: In den Lockdown-Monaten kamen viel weniger Frühchen zur Welt als sonst.

Der Fakt, dass Babys nicht vorzeitig geboren werden und daher mit aller Kraft, die ihnen gegeben ist, ins Leben starten können, ist natürlich toll. Aber was war los?

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