Rems-Murr-Kreis

Übervolle Go-Ahead-Züge? So plant das Verkehrsministerium

Go Ahead
Damit die Plätze im Zug ausreichen, werden auch Go-Ahead-Fahrzeuge aneinandergekoppelt. Beliebig oft geht das allerdings nicht: Es fehlen dafür zusätzliche Fahrzeuge. © Benjamin Büttner

Menschen, die sich an die Zugwand quetschen, damit andere sich vorbeidrücken können. Die anderen landen dann in einem Abteil, in dem’s genauso eng zugeht: Ein Foto von dieser Szene schickte ein Leser aus dem MEX 13 von Stuttgart nach Aalen, der am 12. Januar um 17.01 Uhr in Waiblingen am Bahnhof stand. Es war Hauptverkehrszeit. Wie kommt’s zu solch drängender Enge, und auch noch jetzt, in der Pandemie? Wie plant das Verkehrsministerium?

Das Verkehrsministerium verantwortet, was auf die Schiene kommt

Ganz wichtig: Der übervolle Go-Ahead-Zug vom 12. Januar hätte eigentlich ein Langzug sein sollen. So jedenfalls ist dieser Zug zu dieser Uhrzeit auf dieser Strecke geplant. Doch der größere Teil des Zuges sei, so Go-Ahead, kurz vor der Abfahrt beschädigt worden. So konnte nur ein Kurzzug starten – mit den bekannten Folgen. Doch zur gleichen Zeit – Hauptverkehrszeit – war in entgegengesetzter Richtung ebenfalls ein Go-Ahead-Zug unterwegs. Ebenfalls nur ein Kurzzug und, wie der Leser schrieb, ebenfalls zu gut frequentiert, als dass ein Corona-Sicherheitsabstand auch nur annähernd hätte eingehalten werden können. Dieser Zug aber ist nach Auskunft von Go-Ahead grundsätzlich als Kurzzug „bestellt“. Bestellt von der Nahverkehrsgesellschaft Baden-Württemberg NVBW, die das Verkehrsministerium bei der Planung des „Schienenpersonennahverkehrs“ unterstützt. „Schienenpersonennahverkehr“ – das sind die Züge, die die Menschen in der Region von A nach B bringen. Letztlich ist also das Verkehrsministerium dafür verantwortlich, was wann auf die Schiene kommt. Doch wie wird hier kalkuliert, damit die Fahrten für die Pendler erträglich sind?

Das Land gibt den Unternehmen die geforderten Kapazitäten "frühzeitig vor"

Das Land Baden-Württemberg, heißt es aus dem Verkehrsministerium, gebe den verschiedenen Unternehmen, die die Züge in der Region auf die Schiene bringen, „die geforderten Sitzplatzkapazitäten schon frühzeitig vor“. Auf der fraglichen Strecke Stuttgart – Schorndorf – Aalen – Crailsheim, betrieben von Go-Ahead, würden drei- und fünfteilige Fahrzeuge eingesetzt, die teilweise auch zusammengekoppelt würden. Dreiteilige Züge haben 164, fünfteilige 272 Sitzplätze. Werden sie zusammengekoppelt, ergibt das insgesamt 436 Sitzplätze. Hinzu kommen noch 516 Stehplätze.

Für alle Zugfahrten – also für jeden Zug, der fährt, von frühmorgens bis spät in die Nacht – werden, so das Verkehrsministerium, „die geforderten Sitzplatzkapazitäten vorab definiert“. Die jeweiligen Unternehmen müssten diese Anforderung dann umsetzen. Wer weniger Sitzplätze anbietet als gefordert, muss Strafe zahlen. Go-Ahead falle hier jedoch nicht negativ auf, weder auf der Remsstrecke noch auf der ebenfalls befahrenen Murrstrecke zwischen Stuttgart und Schwäbisch Hall.

Die benötigte Kapazität wird berechnet, außerdem wird in den Zügen gezählt

Das heißt: Go-Ahead erfüllt das, was das Verkehrsministerium fordert. Der Zug in Richtung Stuttgart zur Hauptverkehrszeit ist also, so bestätigt das Verkehrsministerium damit die Aussage von Go-Ahead, so geplant und so gewünscht: als Kurzzug mit 164 Sitz- und 193 Stehplätzen.

„Prinzipiell“, so das Verkehrsministerium hierzu, gelte natürlich, „dass zu den Hauptverkehrszeiten mehr Reisende unterwegs sind und daher auch mehr Kapazitäten angeboten werden“. Die notwendigen Kapazitäten werden vom Land, so das Verkehrsministerium, berechnet. Außerdem verfügen moderne Züge über „automatische Fahrgastzählsysteme“. Die Ergebnisse dieser Zählungen fließen in die Planung mit ein. „Sind einzelne Züge dauerhaft zu voll, prüft das Land zusammen mit den Unternehmen, wie die Kapazität verbessert werden kann.“

Doch Züge seien mehrere Millionen Euro teuer, unterlägen Lieferfristen von einigen Jahren und seien technisch nicht universell kuppelbar. „Daher können in der Regel nur vorhandene Fahrzeuge genutzt werden, um Kapazitäten zu verbessern.“ In der Hauptverkehrszeit ein großes Problem. Denn in der Hauptverkehrszeit werden schon alle Fahrzeuge, die insgesamt verfügbar sind, auf die Schiene gebracht. Ein „Anhängen zusätzlicher Wagen“ sei „meist nicht möglich“.

Keine Go-Ahead-Fahrzeuge auf Halde und Vorrat

Das heißt: Es gibt keine Fahrzeuge auf Halde und Vorrat, die eingesetzt werden können, wenn sich herausstellt, dass die Zahl der Pendler die Zahl der eingeplanten Sitz- und Stehplätze zu sprengen beginnt. Kurzfristig auf keinen Fall. Langfristig – „einige Jahre“ Vorlauf – können natürlich Züge zum Fuhrpark dazubestellt werden. Doch wer weiß, ob nicht bis zur Lieferung das Fahrgastaufkommen so groß geworden ist, dass noch drei Züge zusätzlich gut gewesen wären?

So kann es also, auch wenn die Züge wie geplant fahren, eng werden, wenn immer mehr Menschen auf den Zug umsteigen. Was ja politisch gewünscht ist, in Zeiten des Klimawandels. Und die Corona-Krise? Es seien Schutzmaßnahmen ergriffen worden, „um unabhängig von der Kapazität des Zuges eine möglichst sichere Reise zu ermöglichen“. Die Züge, so das Verkehrsministerium, würden innen häufiger gereinigt und desinfiziert, Lüftungsprozesse würden „verbessert“. Und die Fahrgäste trügen zur Sicherheit bei, „indem sie sich an die geltenden Gesetze und Verordnungen zur Maskenpflicht halten“.

Menschen, die sich an die Zugwand quetschen, damit andere sich vorbeidrücken können. Die anderen landen dann in einem Abteil, in dem’s genauso eng zugeht: Ein Foto von dieser Szene schickte ein Leser aus dem MEX 13 von Stuttgart nach Aalen, der am 12. Januar um 17.01 Uhr in Waiblingen am Bahnhof stand. Es war Hauptverkehrszeit. Wie kommt’s zu solch drängender Enge, und auch noch jetzt, in der Pandemie? Wie plant das Verkehrsministerium?

{element}

Das Verkehrsministerium verantwortet,

Alle Abos jederzeit kündbar:
ZVW+ MONATLICH
Erster Monat gratis, danach 5,99 €/mtl.
ZVW+ JÄHRLICH
Statt 71,88 € (Zwei Monate gratis)
ZVW+ JÄHRLICH mit ePaper
mit täglichem Zugriff zum ePaper