Rems-Murr-Kreis

9-Euro-Ticket im Rems-Murr-Kreis: Familien ziehen durchwachsenes Fazit

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Symbolfotos. © Alexandra Palmizi

Das 9-Euro-Ticket ist zwar unfassbar billig, lässt sich aber buchstäblich nur in vollen Zügen genießen. Kurz nach seiner Einführung im Juni war der Andrang so groß, dass einige Fahrgäste am Bahnsteig stehen bleiben mussten, weil sie nicht mehr zusteigen konnten. Dieser Effekt hat inzwischen etwas nachgelassen – vermutlich auch wegen mangelhafter Pünktlichkeit und zahlreicher Probleme mit der maroden Infrastruktur. Dennoch nutzten auch im Juli laut Statistik fast doppelt so viele Menschen die hiesigen Regionalzüge wie im Mai. Das waren aber nicht in erster Linie Berufspendler, die das Auto stehen ließen, um nun mit dem Zug zur Arbeit zu fahren; sondern vor allem Wochenend-Ausflügler – darunter naturgemäß viele Familien. Doch wie ist deren Fazit?

Mitglieder der Community „Familie, Du auch?“ berichten, welche Erfahrungen sie mit dem 9-Euro-Ticket gemacht haben: 

Unpünktlichkeit schreckt ab

Michael Sudau, Vater aus Schorndorf, schreibt: „Wir haben das 9-Euro-Ticket nicht genutzt. Mit drei Kindern unter 6 Jahren ist Regionalzug- oder S-Bahn-Fahren nicht attraktiv. Das belegen Bilder in den Medien von überfüllten Bahnhöfen und vollen Zügen.“ Auch die Unpünktlichkeit der Bahn schrecke ab.

Kein Anreiz

Ähnlich sieht das ein weiterer Vater von zwei Kindern. Er sagt, für seine Familie und ihn biete das 9-Euro-Ticket „keinen Anreiz“, „deswegen nutzen wir das nicht“ – weder für den Weg zur Arbeit noch was private Ausflüge angehe. Er besitze einen Firmenwagen mit Tankkarte, den die Familie auch am Wochenende nutze. Für den Weg zur Arbeit brauche er mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln 50 Minuten länger als mit dem Auto. „Deswegen ist das keine Option.“

Zudem sei das Image der Bahn, wie er aus Berichten und aus Erfahrungen von regelmäßigen Bahnkunden kenne, einfach schlecht. „Du überlegst dir dann genau, ob du mit zwei Kindern in so einen Zug steigst, der dann verspätet ist oder ausfällt" - oder so überfüllt ist, dass ein Zusteigen nicht mehr möglich ist. "Das machst du einfach nicht, wenn du es nicht musst." Die Diskussion ums Dienstwagenprivileg findet er vor diesem Hintergrund nicht zielführend, zumal seiner Meinung nach der Verkehr in Sachen Feinstaub und Co2 nur eine nachrangige Rolle spiele. 

Das 9-Euro-Ticket bietet eine Chance zur Teilhabe

Es gibt aber durchaus auch positive Erfahrungen. Eine Mutter beispielsweise schreibt: „Ich denke, das 9-Euro-Ticket steht für Teilhabe für viele Menschen. Und es kann eine Chance sein, bisherige ÖPNV-Verweigerer zu gewinnen.“ Alle Familienmitglieder nutzen den öffentlichen Nahverkehr gerne und das günstige 9-Euro-Ticket bereits im dritten Monat. Die Familie wünscht sich auch weiterhin preisgünstige Lösungen, denn ohne 9-Euro-Ticket sei der Öffentliche Nahverkehr „unverhältnismäßig teuer“.

Gerne für Tagesausflüge genutzt

Auch Elena Ehrmann, Mutter von zwei Kleinkindern, hat profitiert: „Wir als Familie mit derzeit niedrigem Haushaltseinkommen haben das 9- Euro-Ticket gerne genutzt - insbesondere für Tagesausflüge. Diese hätten sonst deutlich seltener oder gar nicht stattgefunden und wenn, dann mit dem Auto.“ Die Ausfälle und Verspätungen mit kleinen (müden) Kindern am Bahnhof seien jedoch sehr anstrengend gewesen. Wenn es ein besseres Angebot gäbe und der Preis auch langfristig im Rahmen bliebe, würde die Familie gerne öfter den Öffentlichen Nahverkehr nutzen. Fehlende Barrierefreiheit, besonders kaputte und zu kleine Aufzüge, seien aber gerade mit Gepäck, Kinderwagen oder Fahrradanhänger ein Manko.

In Berlin super, für lange Strecken zu anstrengend

Sandra Roth, Mutter eines Kleinkindes aus Waiblingen, hat das Ticket gemeinsam mit einer Freundin im Berliner Verkehrsnetz genutzt und war durchaus begeistert. Die Anreise dorthin hätte aber zu viel Zeit gekostet. Die Freundin sei aber "auf den Geschmack gekommen" und im August mit dem 9-Euro-Ticket von Waiblingen bis nach Hamburg gereist. Dafür sei sie etwa 20 Stunden unterwegs gewesen. Roth: "Das kann man mal machen, aber mir wäre es zu anstrengend."

Plus in der Familienkasse, die Infrastruktur ist schlecht

Für Daniela Heinze aus Schwaikheim machte sich der Preisnachlass vor allem beim Monatsticket der mittleren Tochter bemerkbar. „Für die drei Monate wurden ja nur 9 statt fast 42 Euro abgebucht, dieser "Überschuss" war in der Familienkasse für uns tatsächlich spürbar.“ Sie als Eltern hätten das Ticket zweimal für den Besuch von Veranstaltungen genutzt und damit ebenfalls Geld gespart. Allerdings: „Wegen des Umsteigens und langen Wartens auf die Anschlussbahnen dauerte die Heimfahrt von Ludwigsburg nach Schwaikheim satte zweieinhalb Stunden und somit länger als das Konzert, das wir besuchten.“ 

Und: „Wir fahren gerne mit Bus und Bahn. Auch im Ausland.“ Aber die Infrastruktur im Großraum Stuttgart sei im Vergleich zu Erfahrungen aus Straßburg, London, Dublin oder Paris denkbar schlecht: „Wir kaufen dort immer die Wochen- oder Monatstickets für das ganze Netz, zu einem Bruchteil der Kosten (…) und hatten noch nie Probleme mit langen Wartezeiten oder unübersichtlichen Änderungen.“

Fazit: „Als Familie hätten wir das 9-Euro-Ticket sehr gerne noch für weitere Fahrten und Ausflüge genutzt, aber Erfahrungen mit Verspätungen, Schienenersatzverkehr, mehrfachem Umsteigen und Änderungen bei Gleis und Wagenreihung schreckten uns davor tatsächlich ab.“

Das 9-Euro-Ticket ist zwar unfassbar billig, lässt sich aber buchstäblich nur in vollen Zügen genießen. Kurz nach seiner Einführung im Juni war der Andrang so groß, dass einige Fahrgäste am Bahnsteig stehen bleiben mussten, weil sie nicht mehr zusteigen konnten. Dieser Effekt hat inzwischen etwas nachgelassen – vermutlich auch wegen mangelhafter Pünktlichkeit und zahlreicher Probleme mit der maroden Infrastruktur. Dennoch nutzten auch im Juli laut Statistik fast doppelt so viele Menschen die

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