Rems-Murr-Kreis

9-Euro-Ticket im Rems-Murr-Kreis: Mehr Fahrgäste, Absturz bei der Pünktlichkeit

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Bahnbrücke Neustadt
... Langsamfahrstellen und Baustellen, hier zum Beispiel auf der Neustädter Brücke. © Gabriel Habermann
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9-Euro-Ticket
Gut: das 9-Euro-Ticket - schlecht hingegen sind ... © ALEXANDRA PALMIZI

Auf zwei Faktoren kommt es an, damit die Leute von der Straße auf die Schiene wechseln: günstiger Fahrpreis; und zuverlässige Züge. Für die Rems- und Murr-Bahn gilt derzeit: Alles superbillig (Rechenbeispiele hier und hier), dank 9-Euro-Ticket – aber die Pünktlichkeit ist in den Kohlenkeller gerauscht. Die Infrastruktur ist seit Jahren marode, was diesen Sommer zu reihenweise Problemen führt. Ob es indes einen Nachfolger des 9-Euro-Tickets gibt, steht in den Sternen - die FDP schwört lieber aufs Dienstwagen-Steuerprivileg ...

Viel mehr Fahrgäste auf Remsbahn und Murrbahn

Fahrgastzahlen auf der Murr-Bahn, im RE 90 zwischen Stuttgart und Nürnberg (Daten des Landesverkehrsministeriums):

  • Im Mai (ohne 9-Euro-Ticket) wurden „pro Fahrt über den gesamten Streckenverlauf hinweg im Mittel 224 Fahrgäste gezählt“; durchschnittlicher Besetzungsgrad: „30,2 Prozent (gerechnet auf die Sitzplätze)“.
  • Im Juni (mit 9-Euro-Ticket) waren es pro Fahrt 462 Fahrgäste (durchschnittlicher Besetzungsgrad: 66,7 Prozent).
  • Juli: 403 (Besetzungsgrad: 58,8 Prozent).

Der Juni-Effekt, der wochenends teilweise zu derartiger Überfüllung führte, dass man nicht mehr zusteigen konnte, hat sich zwar abgeschwächt. Aber auch im Juli fuhren fast doppelt so viele Leute mit wie im Mai.

Fahrgastzahlen auf der Rems-Bahn, im MEX 13 zwischen Stuttgart und Crailsheim:

  • Im stärksten Monat des vergangenen Jahres, dem Oktober 2021, wurden „je Fahrt (gesamter Fahrtverlauf) im Mittel 169 Fahrgäste gezählt“; durchschnittlicher Besetzungsgrad: „21,5 Prozent (gerechnet auf die Sitzplätze)“.
  • Im Juni waren es pro Fahrt 262 Fahrgäste (Besetzungsgrad: 36,3 Prozent).
  • Juli: 263 (Besetzungsgrad: 36,7 Prozent).

Der Preis ist ein Hebel, um Leute vom Asphalt aufs Gleis zu lotsen. Aber: Der Zuwachs geht offenbar nicht in erster Linie auf das Konto von Berufspendlern, die das Auto stehen ließen und neuerdings mit dem Zug zur Arbeit fahren; sondern hat viel zu tun mit Wochenend-Ausflüglern.

Größte Zuwächse nicht im Berufsverkehr, sondern vor allem am Wochenende

Das Ministerium schreibt: Während man „allgemein festhalten“ könne, „dass wir unter der Woche in einigen Netzen das Vor-Corona-Niveau jetzt bereits wieder erreicht haben“, liegen „am Wochenende die Fahrgastzahlen“ teils gar „deutlich über“ den Werten vor der Pandemie. Durchs 9-Euro-Ticket haben sich „die Anteile der Fahrgastzahlen Montag bis Freitag zu Samstag bis Sonntag recht deutlich verschoben. Teilweise sind am Wochenende, speziell samstags, mehr Fahrgäste unterwegs als unter der Woche.“ (Und Pfingsten war der Hammer ...) Auf manchen Linien – siehe Murrbahn (hier beschrieben) – „musste eine zeitweise Überlastung der Züge festgestellt werden“.

Wichtig ist aber nicht nur der Preis, sondern auch, wie es der VCD-Landesvorsitzende Matthias Lieb einmal ausgedrückt hat, „die Zuverlässigkeit des Gesamtsystems“; und um die war es im Juni und Juli an Rems und Murr schmählich bestellt.

Baustellen und Störungen: Die Probleme mit der Deutschen Bahn

Im Juli war zum Beispiel eines der beiden Gleise zwischen Grunbach und Schorndorf baustellenbedingt gesperrt. Nun gut, wenn die Deutsche Bahn in die marode Infrastruktur investiert, kann man das wohlwollend als kurzfristige Beeinträchtigung im Sinne langfristiger Verbesserung verbuchen – der Oberleitungsschaden in Stuttgart im Juli aber, der tagelang das ganze System aus dem Gleichgewicht brachte, lässt sich nicht schönreden. All das, bestätigt das Ministerium, führte „zu erhöhten Zugausfällen und zahlreichen Verspätungen“. So wurden die segensreichen Lock-Effekte des 9-Euro-Tickets konterkariert. „Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit“ seien für eine ökologische Verkehrswende „essenziell“.

Go-Ahead hat dazu eine Übersicht zusammengestellt – immer wieder habe das Fahrten-Unternehmen mit „Großstörungen“ zu kämpfen, die aufs Konto des Infrastruktur-Betreibers DB gehen:

  • November 2019: Stellwerkstörung Waiblingen
  • Februar 2020: Kabelbrand Hauptbahnhof Stuttgart
  • Februar 2020: Oberleitungsstörung Hauptbahnhof Stuttgart
  • Februar 2021: erhebliche Infrastrukturstörungen wegen eines Kälteeinbruchs
  • Juli bis Oktober 2021: Großbaustelle auf der Remsbahn
  • Seit Juni 2022: diverse Langsamfahrstellen aufgrund maroder Infrastruktur
  • Juli 2022: Remsbahn-Baustelle Grunbach
  • Juli 2022: Oberleitungsdesaster am Hauptbahnhof Stuttgart

Go-Ahead: Absturz bei der Pünktlichkeit

Selbst wenn man das großzügige Kriterium nimmt, wonach ein Zug erst ab einer Verspätung von sechs Minuten als unpünktlich gilt, kam Go-Ahead im Juli nur auf unter 85 Prozent Pünktlichkeit pro Tag; und landete an manchen Tagen unter 70 Prozent (berücksichtigt sind in dieser Statistik neben Rems- und Murr-Bahn auch alle anderen baden-württembergischen Strecken, die Go-Ahead bedient). Im Juni ging es zwar an manchen Tagen über 90 Prozent – aber an anderen Tagen bis runter auf etwa 63 Prozent. Das sind desaströse Werte.

Zum Vergleich der Mai: Die Pünktlichkeit der Go-Ahead-Züge lag täglich über 80 und an manchen Tagen bei 95 Prozent.

Wir haben beim Verkehrsministerium schriftlich angefragt, ob eine Fortsetzung des 9-Euro-Tickets denkbar sei, zum Beispiel als 29- oder 59-Euro-Ticket.

Ökologische Verkehrswende: Das fordert Winfried Hermann

In der Antwort lässt sich Minister Winfried Hermann persönlich zitieren. Seine grundsätzlichen Gedanken verdienen es, ausführlich aufbereitet zu werden. „In der Debatte über die Weiterentwicklung des Öffentlichen Personennahverkehrs“, schreibt er, „gibt es zwei große Herausforderungen. Beide müssen gelöst werden.“

  • Erstens: Die „Regionalisierungsmittel“ – die Gelder, die der Bund den Ländern jährlich zur Finanzierung des Schienenverkehrs zur Verfügung stellt – „müssen, wie im Koalitionsvertrag der Ampel vereinbart, deutlich erhöht werden. Die Länder haben Anspruch“ darauf, das sei „im Grundgesetz verankert“. Ohne Erhöhung drohen „Tariferhöhungen oder eine Ausdünnung des Angebots.“
  • Zweitens: Faire Tarife brauchen eine „verlässliche öffentliche Finanzierung. Es ist gut, wenn deshalb über dauerhafte Finanzierungsmöglichkeiten gesprochen wird, beispielsweise über die Abschaffung klimaschädlicher Subventionen im Verkehr“; eine Anspielung aufs Steuerprivileg für Dienstwagen, das die FDP mit Zähnen und Klauen verteidigt. „Genauso wichtig ist ein einfaches landes- und bundesweites Ticketing ohne komplizierte, abschreckende Bezahlsysteme.“

Auf zwei Faktoren kommt es an, damit die Leute von der Straße auf die Schiene wechseln: günstiger Fahrpreis; und zuverlässige Züge. Für die Rems- und Murr-Bahn gilt derzeit: Alles superbillig (Rechenbeispiele hier und hier), dank 9-Euro-Ticket – aber die Pünktlichkeit ist in den Kohlenkeller gerauscht. Die Infrastruktur ist seit Jahren marode, was diesen Sommer zu reihenweise Problemen führt. Ob es indes einen Nachfolger des 9-Euro-Tickets gibt, steht in den Sternen - die FDP schwört lieber

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